Aber es geht weiter

Ich bin Feministin. Zumindest meistens. Manchmal fehlt mir einfach der Mut dazu.


Dieser Artikel thematisiert die alltäglichen Schwierigkeiten, eine Feministin zu sein.


Neulich war ich feiern. Mit ein paar Freund*innen war ich in einem kleinen Club, alternativ, netter Elektro, gute Stimmung. Bis sich mir plötzlich zwei Finger in den Hintern graben. Es ist sehr voll, deswegen drehe ich mich erst mal zu dem Typen um, der hintermir steht. “Hast du mir grad an den Arsch gefasst?” frage ich ihn. Er zuckt mit den Schultern, guckt komisch. “Ok” denk ich, “Kann auch wer anders gewesen sein.” und drehe mich wieder um, als mir schon wieder jemand in den Arsch kneift. Ich dreh mich wieder um und Typ sagt was. Ich versteh es nicht (es ist sehr laut), aber es klingt wie irgendwas mit “schön”. Mir platzt der Kragen und ich verprügel den Typen, bis er um Gnade bettelnd am Boden liegt. Danach geht es mir super und ich tanze ausgelassen weiter.

Schade nur, dass der letzte Teil nur in meinem Kopf passiert ist. Was ich wirklich gemacht habe, ist, mich woanders hinzustellen und – als der Typ schon wieder von der Seite ankam – auf den anderen Floor zu wechseln, wo ich erstmal eine Stunde lang versuchte, meinen Frust wegzutanzen.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein eigentlich guter Abend so endet und ich frustriert und beschämt nach Hause gehe. Es ist nicht das erste Mal, dass das (wahrscheinlich gedankenlose, nicht so gemeinte, scheinbar harmlose) Verhalten irgendwelcher Cis-Männer dazu führt, dass ich mich verletzt, nicht verstanden, nicht gehört, benutzt und einfach scheiße fühle.

Das können ungerechte Situationen sein, in denen ein Typ sein Glas umschmeißt und sich dann verzieht, wenn zwei dabeistehende Frauen ihm netterweise helfen wollen – und diese Frauen letztendlich alleine seinen Dreck wegmachen. Oder erniedrigende Situationen, in denen mich Fremde mit sexualisierten Handlungen oder Worten überrumpeln und verunsichern. Oder frustrierende, wenn ich beim Kneipenabend mit Freunden wieder mal nicht zu Wort komme, weil mich jemand unterbricht und selbst seine Geschichte beginnt.

Das Schlimmste an diesen Situationen ist für mich oft nicht die Situation selbst, sondern das Gefühl, das sie hinterlassen. Ich bin Feministin, das denke ich oft, und manchmal traue ich mich auch, es zu sagen. Ich lese gerne Texte von starken Frauen*, die sich wehren, sich querstellen und dem Patriarchat eins in die Fresse schlagen. “So mache ich das auch beim nächsten Mal!”, denke ich mir – nur um dann doch wieder zu kuschen, mich anzupassen, den Normen zu entsprechen. Warum fällt es mir so schwer, mich zu widersetzen?

Und wenn mich dann wieder jemand schräg von der Seite anmacht, nehme ich all meinen Mut zusammen, richte mich auf und … gucke böse. Für die andere Person ist die Situation dann vorbei, und ich kann ein weiteres Relikt in die Vitrine im Museum meiner Ohnmacht stellen.

Manchmal frage ich mich, ob es mir nicht besser ginge, wenn ich mir über diese ganzen Dinge keine Gedanken machen müsste. Wäre ich glücklicher, wenn ich mich einfach in meiner mir zugeschriebenen Rolle einfinden und akzeptieren würde, dass das Leben halt manchmal nicht so gerecht ist? Aber dann sehe ich wieder die anderen starken Menschen in meinem Leben, die sich Tag für Tag dafür einsetzen, etwas weiter zu kommen auf dem Weg in Richtung Gleichberechtigung. Und ich weiß: Ich werde nicht aufhören zu kämpfen.


von Judy-Juds

Judy-Juds ist Kiezhockerin (Jetzt noch in den Wedding fahren? Viel zu weit weg!) und oft mit dem Fahrrad unterwegs. Dabei singt sie oder denkt über dies und das nach. Manchmal kommt was dabei raus.