…und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

Unsere Vorstellungen von Glück sind an eine stabile, heterosexuelle Identität gebunden – davon untrennbar ist auch die Vorstellung, wann wir nicht glücklich sind.


Dieser Artikel thematisiert Glücksversprechen und queere Beziehungen.


Wann hat dich das letzte Mal jemand gefragt, ob du glücklich bist? Würdest du dich selbst als einen glücklichen Menschen beschreiben? Und ist die Frage nach Glück eigentlich politisch?

Hetero = glücklich … oder nicht?

Nach über 10 Jahren in einer heterosexuellen Beziehung sagte meine Partnerin mir, dass sie sich nicht „als Mann“ fühle. Ehrlich gesagt war ich weder überrascht noch schockiert, und das sagte ich ihr auch so. Doch nach und nach stellte sich für mich die Frage nach den Folgen. Was bedeutete es für unsere Beziehung? Bedeutete es überhaupt etwas? Was bedeutete es für meine Identität? Ich fühlte mich, als hätte mir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen, obwohl sich nach außen nichts verändert hatte. Ich weinte tagelang und fühlte mich kreuzunglücklich. Aber warum hatte ich das Gefühl, das mir (bzw. uns) hier ein großes “Unglück” widerfuhr?

Glücksversprechen und das Streben nach „dem Glück“ sind in unserem Alltag allgegenwärtig. Als Konzepte erscheinen mir Glück und Unglück eigentlich viel zu groß (oder auch unscharf), um sie mal eben in zwei Sätzen zu definieren. Und doch strebe ich nach dem Glück. Meine These ist: Obwohl unsere persönlichen Vorstellungen von Glück variieren mögen, so haben wir doch starke kollektive Bilder und Ideen davon verinnerlicht, wer bzw. was uns Glück verspricht – und was nicht.

Neben „ Es war einmal…“ dürfte „…und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ der prägendste Satz aus Märchen und Geschichten sein, mit denen Kinder in Deutschland und anderswo aufwachsen. Nachdem diverse Hindernisse (häufig in Gestalt älterer Frauen) überwunden sind, steht dem Glück in Form der Heirat von Prinz und Prinzessin nichts mehr im Wege. Das gilt für die klassischen Märchen der Gebrüder Grimm ebenso wie für ungezählte Hollywood-Romanzen wie z. B. Pretty Woman.
Im Motiv der Märchenhochzeit finden wir das zentrale Glücksversprechen der westlichen Gesellschaft. Glücklich macht in erster Linie die heterosexuelle Heirat – oft in Verbindung mit dem gesellschaftlichen Aufstieg des Aschenputtel zur Prinzessin.

Die Betitelung der Hochzeit als “glücklichster Tag des Lebens” mag längst hohl klingen, kennen tun wir sie doch alle. Das ist vermutlich nichts Neues. Wir wollen alle irgendwie glücklich sein und außerdem ist doch sowieso jede*r seines*ihres Glückes Schmied, oder nicht? Aber wieso ist das jetzt politisch? Und warum schreibe ich einen feministischen Text über Glück?

Ich glaube, dass wir alle spezifische Glücksnarrative oder Konzepte verinnerlicht haben, die nicht nur dafür sorgen, dass wir uns spezifischen Dingen, Menschen oder Institutionen zuwenden, die uns „Glück“ versprechen … sondern die uns auch vorschreiben, wann wir uns eben nicht glücklich fühlen dürfen. Wie stark solche Glückskonzepte wirken, merken wir häufig erst dann, wenn wir von ihnen abweichen.

Ich sprach mit meiner Partnerin, mit meiner Familie und mit Menschen aus unserer näheren Umgebung – auch, um wenigstens einige der vielen, kraftraubenden Outings zu übernehmen. Wir hatten begonnen, den „normalen“ Pfad einer heterosexuellen Beziehung zu verlassen und damit das zentrale Glücksversprechen unserer Kindheit aufgegeben. Das führte in meinen Augen zu zweierlei: Wir befanden uns ganz offenbar in einer Krise – das fühlte ich und die Menschen in meiner Umgebung spiegelten es mir häufig wider – und wir wurden zum Objekt und Anlass detaillierter Nachfragen. Dass unsere Beziehung plötzlich mit anderen Augen gesehen wurde, merkte ich insbesondere daran, dass auch Menschen, mit denen ich so etwas nie erörtern würde, detaillierte Fragen zu unserer Sexualität und Intimität stellten. Zu unseren bis dato unsichtbaren heterosexuellen Privilegien hatte die Annahme und Respektierung unserer vermeintlichen „Normalität“ gehört, die nun plötzlich zur Debatte stand. Diese Nachfragen sind in meiner Wahrnehmung niemals bewusst bösartig gewesen. Häufig habe ich erst viel später realisiert, wie viel Energie sie mich kosteten.

Mir fehlte jegliche Vorstellung davon, wie (m)eine queere Beziehung aussehen könnte. Deshalb folgte ich dem gesellschaftlichen Skript, welches eine Situation wie diese nur als eine Katastrophe beschreiben kann. Aber muss das so sein?

Maria Weding hat mit Another „My Wife is trans“ Story einen für mich in vielerlei Hinsicht wichtigen Text geschrieben, in dem sie dem allgegenwärtigen Narrativ von Trans-als-Katastrophe etwas entgegensetzen möchte. Ich möchte keinem anderen Menschen, der*die eine vergleichbare Situation erlebt, absprechen, starke, unangenehme Gefühle zu haben, sowohl als direkt Betroffene*r als auch als Angehörige*r. Nur weil wir erkennen, dass emotionale Reaktionsmuster gesellschaftlich/kulturell geprägt sind, heißt das noch lange nicht, dass wir sie überwinden oder ignorieren können.

Je länger ich mich mit der ganzen Thematik beschäftige, mich darauf einlasse und mich bewusst den vielen positiven Beispielen zuwende, desto deutlicher wird für mich, wie stark diese Muster sind – und wie dringend wir neue, offenere Vorstellungen von Glück brauchen. Dass wir nun endlich benennen können, was für meine Partnerin so lange ein massives, diffuses Gefühl war, ist zwar nur ein erster Schritt, aber ein enorm wichtiger. Jetzt können wir endlich gemeinsam versuchen, ein Beziehungsmodell zu leben, in dem wir uns beide wohl fühlen. Und auch die Möglichkeit, meine eigene Identität (und das meint nicht nur die sexuelle Orientierung) neu zu denken, ist so viel mehr als nur ein Unglück. Klar, das ist Arbeit. Es tut weh, sich von erlernten Mustern zu lösen und sich selbst in Frage zu stellen. Aber das Neudenken eröffnet auch ganz neue Möglichkeiten für mich, „Glück“ zu erleben. Dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen, aber so ist da ja immer … mit dem Glücklich sein!

Um zu meiner Anfangsfrage nach der politischen Dimension von Glück zurückzukommen: Der Anspruch darauf, wer in dieser Gesellschaft als glücklich gilt, ist ungleich verteilt, auch weil er an Bedingungen geknüpft wird, die viele Menschen weder erfüllen können noch wollen. Solange wir ein Leben jenseits einer weißen heterosexuellen Ordnung als unglücklich(er) definieren, erschweren wir diesen Menschen den Zugang zu ihrem ganz persönlichen Glück. Und das ist hochgradig politisch.


Verweis
Das alles ist nicht allein auf meinem Mist gewachsen. Sara Ahmed hat mit The Promise of Happiness ein grandioses Buch über Glück, geschlechtsspezifische Glücksversprechen und ihre Politik geschrieben, das mir in vielerlei Hinsicht glückliche Lesemomente verschafft und die Inspiration für diesen Text geliefert hat.


von Anne

Anne liebt es neben dem Lesen von theoretischen Texten, Dinge mit den Händen zu machen und backt deshalb ihr Brot selbst. Ab und zu setzt sie sich außerdem an ihre Nähmaschine, möchte aber nie wieder im Modebusiness tätig sein.