Der Lärm der öffentlichen Unhöflichkeit

Geschlechterungleichheit hat viele Gesichter. Sehr offensichtlich zeigt sich eines in den männlich-dominierten Strukturen im öffentlichen Raum. Doch auch die Diskussion darum, wie Feminist*innen mit offensichtlicher Ungleichheit umgehen sollten, ist kompliziert. Welche Möglichkeiten gibt es als Feminist*in mit dieser Ungleichheit gut umzugehen? Und welche Probleme werfen diese auf?


Dieser Artikel thematisiert male entitlement, Geschlechterungerechtigkeit, Alltagsfeminismus, feministisches Handeln.


Letztens lief ich von der Post am Alex zur U-Bahn und auf dem Weg kreuzte sich mein Weg mit dem eines älteren Herren. Ich wurde schneller und erwartete, dass er den halben Schritt nach links in seinen Pfad einbauen würde, den es brauchte, damit wir nicht zusammenstoßen würden. Das tat er allerdings nicht, er ging unbekümmert schnurstracks weiter geradeaus – geradewegs in mich rein. So wurde ich das erste Mal seit langer Zeit auf offener Straße richtiggehend angerempelt. Dass man beim Ein- und Aussteigen oder in Menschenmengen hin und wieder einen Stoß versetzt bekommt, ist mir nicht unbekannt. Aber auf freier Fläche war das eine Situation, die mir sehr umgehbar erschien.

Also begann ich darüber nachzudenken, was gerade passiert war und vor allem, warum ich mich (emotional) angegriffen gefühlt habe, weit mehr als meine leicht schmerzende Schulter das erklären würde. Gleich kamen mir zwei weitere Erlebnisse in den Sinn.

Zum einen ein älterer Herr, der mein Fahrrad am Gepäckträger packte und mich so zum Stehen zwang, als ich (zugegeben: verbotenerweise) über den Leipziger Weihnachtsmarkt radelte. Zum anderen der junge Mann, der mir am selben Morgen auf dem Weg zur Arbeit in der U8 gegenübersaß und fast schon comichaft meanspreadend drei ganze Plätze einnahm.

Die ersten zwei Erlebnisse ließen mich etwas verwirrt zurück, da ich einerseits eine gewisse Teilschuld bei mir sah, andererseits ein Gefühl der Ungerechtigkeit verspürte. Die dritte Situation belächelte ich eher, aber sie zeigte mir recht plakativ, was mich in den anderen Situationen störte: In jeder der Situationen ging es um Männer, die ungefragt in meine körperliche Intimsphäre eindrangen, und mir zugleich öffentlichen Raum wegnahmen. Männer, die einfach davon ausgingen, dass ich mich ihnen anpassen und unterordnen würde. Männer, die sich sicher waren, dass sie dazu berechtigt seien, nicht Platz zu machen, nicht auszuweichen oder räumliche Ordnung zu schaffen. Männer, die sich selbst als Besitzer des öffentlichen Raums definierten und so andere, in diesem Falle mich, in ihrer Freiheit einschränkten.

Die Frage nach männlicher Dominanz in öffentlichen wie auch privaten Räumen ist nicht unbekannt in der feministischen Welt. Es wird oft diskutiert, wie mensch damit umgehen sollte. Eine Antwort auf dieses Problem, das mir in letzter Zeit immer wieder begegnet, ist der Aufruf, selbst Raum einzunehmen. Wir (Anderen) sollen uns behaupten und dagegenhalten. Den Mund aufmachen. Uns ausbreiten. Wenn nötig zurückrempeln, oder anpöbeln. Kurz gesagt heißt es also, wir sollen genau dasselbe tun wie diese Männer, die den Raum für sich beanspruchen, den wir eigentlich alle teilen sollten.

Ich habe Probleme damit. Ich habe ein Problem damit, wie „Raum einnehmen“ hier definiert wird. Ich habe ein Problem damit, dass für die Lösung eines Problems das Problem selbst imitiert werden soll. Ich habe ein Problem damit, wenn von Frauen erwartet wird, männlich sozialisierte Verhaltensmuster zu übernehmen. Ich habe ein Problem damit, wenn die Lösung eines Missstands von der Gesellschaft auf das Individuum abgewälzt wird. Vor allem habe ich ein Problem damit, wenn die Antwort auf Gewalt¹ Gegengewalt sein soll.

Schon Einstein meinte, dass ein Problem nicht aus derselben Denkweise heraus gelöst werden kann, aus der es entstand. In diesem Fall ist die Einnahme öffentlichen Raums eine Spielart von männlicher Dominanz (nämlich: male entitlement) und in letzter Instanz ein Produkt des Patriarchats. Für viele Männer scheint es ganz natürlich, ja vielleicht notwendig, ihre eigene Männlichkeit durch Raumeinnahme auszudrücken. Das ist eine Möglichkeit der Selbstbehauptung, der Identitätsbildung. Und zugleich eine Form der Übergriffigkeit, und Unterdrückung anderer Geschlechter, denen nicht dasselbe Anrecht auf Raum gelassen wird. Womöglich ohne es zu wollen oder auch nur zu bemerken, produzieren Männer durch solches Verhalten systemische Geschlechterungleichheit.

Wenn Frauen* nun ähnliches Verhalten an den Tag legen, was bedeutet das? Wenn frau* Raum einnimmt, hat das eine andere Qualität. Es wird keine systemische Ungleichheit reproduziert, sondern versucht, sich als Individuum „ein wenig Gleichheit“ zu schaffen. Mensch spielt mit den gegebenen Strukturen und nimmt Raum ein, der ihr* zuvor verwehrt blieb. Meine Frage ist nur, wie sinnvoll das ist, wenn offensichtlich gewalttätige Unterdrückungsstrukturen dadurch reproduziert werden. Natürlich teile ich die Meinung, dass Frauen* selbstbewusst sein sollen. Frauen* sollen gehört werden. Frauen* steht Platz zu – im Öffentlichen wie im Privaten. Noch schöner wäre, wenn das alles gar nicht erst diskutiert werden müsste.

Dem ist nicht so ist, das ist ersichtlich. Dementsprechend muss sich etwas ändern. Wir müssen etwas verändern. Ich bezweifle, dass der Aufruf „zurückzurempeln“, ein Schritt in die richtige Richtung ist. Wir (Menschen, die bislang nicht die existierenden Strukturen der gewalttätigen Dominanz genutzt haben) müssten uns ändern, um ins System zu passen. Wir müssten unsere Art, zu handeln, ja unsere Rücksicht, aufgeben, damit wir wahrgenommen werden. Hier liegt mein Problem.

Ich habe überhaupt kein schwaches Selbstbewusstsein und kann mich gut behaupten, trotzdem ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich in der Bahn anderen Menschen Platz mache. Ich sehe das nicht als Zeichen dafür, dass ich mich unwohl fühle oder eingeschüchtert bin. Ich mache das aus Höflichkeit. Was würde es wirklich bringen, wenn ich mich jetzt ähnlich scheiße verhielte wie besagte Menschen? Ich verstehe ja, dass wir Frauen* uns behaupten sollen. Ich verstehe auch, dass gerade Männer durchaus durch ihre Sozialisierung unhöfliche Arschlöcher sein können, da sie früh gelernt haben, dass anderes Verhalten ihnen als „unmännliche Schwäche“ ausgelegt werden könnte.  Ich verstehe nur nicht, warum das so bleiben soll.

Das Problem ist systemisch, gar keine Frage, aber jede*r Einzelne ist Teil dieses Systems. Offensichtlich ist ein System falsch, in dem Höflichkeit und Respekt als Schwäche abgetan werden und Übergriffigkeit als Sinnbild für erstrebenswerte Dominanz steht. Dieses Bild gilt es zu verändern. Doch nicht dadurch, dass Frauen* die Verantwortung dafür übernehmen, sich selbst zu behaupten und dadurch Strukturen von Geschlechterungleichheit reproduzieren.

Das Bild von Männlichkeit im Zusammenhang mit körperlicher Dominanz muss sich verändern und das beginnt mit der Sozialisierung. In einem Interview sagte die Interims-Familienministerin Katharina Barley, dass sie ihre Söhne zu „respektvollen Menschen“ erzogen hätte. Das ist meines Erachtens ein Schritt in die richtige Richtung, es reicht aber nicht, wenn es bei Individuuen bleibt und nur die Mütter in die Verantwortung genommen werden. Sozialisierung erfolgt nicht nur zuhause, sondern durch das gesamte System in dem mensch lebt. Um einen wirklich respektvollen Umgang miteinander zu schaffen, muss sich das gesamte System verändern.

Ich hatte gehofft, ich komme hier zu einem Punkt, an dem ich eine Lösung finde, an dem ich irgendeine Konsequenz ziehen kann. Stattdessen bin ich jetzt wieder nur genervt. Leider bin ich jetzt wieder an einem Punkt, an dem sich Idealismus und Realismus in meinem Kopf mit gekreuzten Klingen gegenüberstehen. Einerseits ist klar, dass sich etwas ändern muss. Andererseits ist fragwürdig, ob Menschen sich aktiv an dieser Veränderung beteiligen Und wie sie das überhaupt tun können, ohne gewalttätige Strukturen zu reproduzieren.

Was also kann ich tun? Ich denke, ich versuche jetzt einfach, besonders höflich zu sein. Wie es in den Wald ruft, so schallt es hinaus. Wenn ich jetzt meine Stimme auch noch zu dem rücksichtslosen Geschrei hinzufüge, das diese Welt sowieso schon übertönt, was bringt das? Da füge ich lieber eine subversive Melodie der achtsamen Höflichkeit hinzu. Vielleicht haben die Menschen um mich herum ja genug von dem Lärm und konzentrieren sich auf die anderen Töne. Vielleicht fangen irgendwann alle Menschen in den U-Bahnen an, sich zu entschuldigen, wenn sie sich an einem vorbeidrängen. Ein leiser Sieg über das Patriarchat. Frau* darf ja wohl noch träumen dürfen.

 

[1] Ich definiere Gewalt sehr breit als alles, was übergriffig ist und Menschen einschränkt.

Verweis
Jamie Utt hat einen schönen Text dazu geschrieben, wie sich male entitlement in unterschiedlichen Weisen äußert: https://everydayfeminism.com/2015/09/6-ways-men-dominate-space/


von Ickxyz

Ist gerne zuhause und will schlaue Bücher lesen, schaut dann doch eher (weniger) schlaue Serien und trinkt Wein. Großer Fan von schlechten Wortwitzen. Hat Probleme ihre akademische Schreibweise abzulegen.