Die Sache

Im Januar 2016 schrieb ich diesen Text. Er behandelt und verhandelt meine Erfahrung mit Sexismus und sexualisierter Gewalt. Das ist mein Versuch, mit dem Erlebten umzugehen. Dieser Prozess hat bis heute nicht aufgehört. Deshalb werde ich dazu noch weitere Texte veröffentlichen. Ich möchte zeigen, dass der Umgang mit sexualisierter Gewalt oft prozesshaft ist. Und dass Veränderung möglich ist.


Dieser Artikel thematisiert Erlebnisse und Formen sexualisierter Gewalt, Sexismus und rape culture.


Ich nenne es: „die Sache“. Beziehungsweise: „die Sache, die mir passiert ist.“ Wahrscheinlich, weil ich bisher keine anderen Worte dafür gefunden habe.

Dabei ist „die Sache“ schnell erzählt:
Es war ein schöner Abend mit Freund*innen. Wir trafen uns im Pub und haben Bier getrunken. Ein Bekannter und ich fingen an, miteinander zu flirten. Der Abend nahm seinen Lauf. Am Ende saßen wir alle in einem Wohnzimmer irgendwo in Hamburg, München oder Berlin (das spielt keine Rolle hier). Der Typ und ich fingen an zu knutschen. Und später kuschelten wir uns in ein Bett. Kuscheln war schön. Miteinander Einschlafen auch. Das sagte ich. Und auch, dass ich keinen Sex wollte. Trotzdem spürte ich die ganze Nacht fremde Hände auf meinem Körper. Ich war sehr betrunken und erschöpft. Ich wollte die Hände dort nicht haben. Am nächsten Tag lief ich nach Hause. Ich empfand Ekel. Ekel vor mir selbst. Auch, weil ich nicht mehr genau wusste, was alles passiert war. Blackout.

Ich beschloss, „die Sache“ zu vergessen.

Mir ist bewusst, dass „die Sache“ – in unterschiedlichen Formen – vielen Menschen in dieser Gesellschaft passiert. Und dass sie sich oft zunächst selbst die Schuld geben. Und sich vor sich selbst ekeln – wie ich es getan habe. Das ist Teil der rape culture, in der ich aufgewachsen bin. Eine Kultur, in der ich gelernt habe, dass ich selbst schuld bin, wenn mir „so etwas“ passiert. Ich hatte ja getrunken. Ich hatte doch mit ihm geflirtet. Ich wollte mich doch begehrt fühlen. Das ist victim blaming.
Dass diese Kultur in meinen Körper tief eingedrungen ist, zeigt sich auch hierin: Während ich diesen Text schreibe, glaube ich, dass das, was mir passiert ist, doch nicht so schlimm ist. Anderen passiert Schlimmeres. Ich bin nicht nachhaltig traumatisiert und komme damit klar.

Internalisierte rape culture zeigt sich auch darin, dass ich es „die Sache“ nenne. Wahrscheinlich, weil ich keine anderen Worte dafür finde.

Doch warum finde ich sie nicht? Weil es in dieser Gesellschaft kaum sichere Räume gibt, in denen wir über sexualisierte Gewalt sprechen können. Sprechen wir darüber trotzdem öffentlich, dann werden politische Agenden damit gescmückt, wenn es gerade passt. Wie im Falle von Köln als Übergriffe instrumentalisiert wurden, um das Asylrecht zu verschärfen. Oder unsere Erfahrung wird trivialisiert und nicht ernst genommen („Stell dich nicht so an, Mädchen!“).
Doch wie die breite Öffentlichkeit damit umgeht, das macht auch etwas mit mir. Mit mir ganz persönlich. Zum Beispiel hat es jahrelang meine Gedanken geprägt und mir ins Ohr geflüstert: „Sowas passiert DIR doch nicht. Sexualisierte Gewalt ist kein Problem, das du hast.“ Der Gedanke erklärte mir also jahrelang, dass sexualisierte nur von „bösen Männern“ ausgeübt wird, denen ich im Alltag sowieso nicht über den Weg lief. Dabei ist es eine Tatsache, dass der größte Anteil von sexualsierter Gewalt in den eigenen vier Wänden geschieht. Oder innerhalb von Freundeskreisen.

Der Weg, der mich dazu brachte, diesen Text zu schreiben, war weit und verworren. Die verschiedenen Pfade standen für mich zunächst in keinerlei Zusammenhang. Ich schreibe diesen Text im Januar 2016 – die Sache passierte etwa 3 Jahre zuvor. Ich sehe die Gewalt, die mir angetan wurde erst jetzt. Erst sehr viel später.

Ein Teil dieses Weges ist meine Sozialisierung als Feministin. Auch sie begann erst vor einigen Jahren. Vielleicht sind es jetzt 4. Ich bin dankbar – für all die großartigen Aktivist*innen, die mit Texten, Musik, Vorträgen, Diskussionsbeiträgen, Videos, Demos etc. mein Weltbild auseinandernahmen und neu zusammensetzten.

Ein anderer Teil des Weges war eine Reise nach xyz (auch hier ist der Ort nicht wichtig). Bis zu dieser Reise war ich gut darin, belästigende Blicke und Ansprachen in der Öffentlichkeit auszublenden. Das ging dort nun immer schwerer. Denn ich lernte einen Menschen kennen, der damit anders umging: Meine Mitreisende thematisierte sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum. Wir sprachen miteinander. Wir sprachen darüber, was uns jeden Tag geschah. Also fing mein Kopf an zu arbeiten, zu reflektieren und meine Umgebung gezielter wahrzunehmen.

Ein Workshop gab mir und meiner Mitreisenden dann auch den Raum, unsere Erfahrungen zu teilen: mit anderen Frauen* aus unterschiedlichen Kontexten.

Ich wurde in der U-Bahn angefasst.
Ein Typ holte sich vor mir einen runter.
Diese Blicke, die in mir das Gefühl auslösen, dass er mich in seinem Kopf auszieht.”

Zum ersten Mal nahm ich bewusst wahr, dass ich mir über sexistische Strukturen in unserer Gesellschaft zwar sehr wohl bewusst war – persönliche Folgen aber oftmals ignorierte. Diese Ignoranz war mein Schutzschild. Sie ließ mich Blicke auf der Straße nicht wahrnehmen, Rufe nicht hören, Situationen umgehen

Jetzt saß ich in diesem Workshop, weinend, und so wütend darüber, was die Anderen erzählten. Wütend darüber, was sie von unterschiedlichen Orten dieser Erde berichteten. Berührt davon, dass es Frauen* gab, die sich selbst die Schuld am Geschehenen gaben.

Du hast keine Schuld! Niemand hat das Recht dich anzufassen, wenn du es nicht willst!
Ich rief es raus aus meiner Seele.

Ich rief es allen dort entgegen. In dem Bewusstsein, dass als Frauen* gelesenen Menschen ähnliches geschieht, es aber unterschiedliche Erfahrungen bleiben. Je nachdem, welche Identitätsmerkmale daneben noch eine Rolle spielen. Sexualisierte Gewalt verschränkt sich oft mit weiteren Diskriminierungserfahrungen – aufgrund von sexueller Orientierung, Geschlechteridentität, Rassifizierung, Religion, Alter, Behinderung etc.
Diese Interdependenz oder Intersektionalität macht es noch viel schwieriger, die Erfahrungen zu analysieren. Doch sexualisierte Gewalt bleibt dabei was sie ist: Gewalt.

Schon während meiner Reise, aber auch zurück in meiner Heimatstadt, merkte ich, dass mein Ignoranz-Eigenschutz nicht mehr wirkte. Ich nahm Sexismus im öffentlichen Leben (und auch in meinem gewohnten Umfeld) jetzt deutlich wahr. Da mein Schutz bisher Ignoranz war, arbeite ich momentan immer noch daran, einen neuen Schutz aufzubauen. Es ist harte Arbeit als Mädchen, das gelernt hat, immer und zu allen nett zu sein.

Monate später lernte ich jemanden kennen. Dieser Mensch gab mir den letzten Anstoß, um „die Sache“ in meine Erinnerung zurückzurufen. Er stellte mir eine Frage, als wir gemeinsam in Bett lagen. Eine kleine, unschuldig klingende Frage.

Ist es okay für dich, wenn wir noch ein wenig kuscheln?

Diese Frage war ein Wendepunkt – sie erinnerte mich an den Moment, in dem ich nicht gefragt worden bin. An den Moment, in dem, schlimmer noch: mein „Nein“ ignoriert worden ist. Seitdem ist „die Sache“ wieder in meinem Kopf.

Doch dieses Mal ist es mir so bewusst wie noch nie, dass mir Ignorieren nicht hilft. Die Gewalt, die mir angetan wurde, will ich verarbeiten. Nur wenn ich das schaffe, kann ich mich mit mir und meinem Körper wieder gut fühlen.

Das Bett ist für mich ein Ort, den ich mit vielen widersprüchlichen Gefühlen verbinde: Geborgenheit, Sicherheit, Wärme und … Gewalt.

So ähnlich geht es mir im Moment auch mit Alkohol: Er bedeutet für mich einerseits Vergnügen, Entspannung und Enthemmung … und andererseits beängstigenden Kontrollverlust.

„Die Sache“ zu verarbeiten war ein unbewusster Prozess. Ich habe dafür Jahre gebraucht. Und das ist okay. Jeder Mensch steckt sich seinen eigenen Zeitrahmen. Und jeder Mensch sucht sich andere Wege. Manche nutzen Humor, machen Musik, schreiben Bücherkapitel, schreien es laut auf die Straße.

Meine Ignoranz gegenüber täglichem Sexismus, der mir selbst angetan wird, war eine Zeitlang mein Weg, mit Sexismus umzugehen. Inzwischen habe ich einen neuen Umgang gefunden. Heute versuche ich, darüber sprechen. Mit Freund*innen. Mit diesem Text.

Meine Gedanken und Gefühle sind komplex und widersprüchlich. Das macht es mir manchmal noch schwer, von „der Sache“ zu erzählen. Denn Widersprüche machen angreifbar. Doch ich möchte lernen, über Sexismus und sexualisierte Gewalt zu sprechen. Ich glaube, dass wir das lernen müssen. Nur so können wir rape culture bekämpfen.

Trotzdem nenne ich das, was mir passiert ist: „die Sache“. Wahrscheinlich, weil ich noch keine anderen Worte dafür finde.

geschrieben im Januar 2016


von _e_e_a

_e_e_a lebt mitten im Großstadttrubel. Dort eilt sie oft von A nach B und zur Uni. Neben aller Eile braucht sie aber auch Pausen. Zum Beispiel bei Kaffee und Kuchen. Oder bei einem Spaziergang an der schönen Panke entlang.