Bruchstücke eines Prozesses

Dies ist ein Folgetext auf „Die Sache“ und in beiden Texten reflektiere ich meine Erfahrung mit sexualisierter Gewalt. Dabei ist mir bewusst, dass es viele Fälle von sexualisierter Gewalt gibt. Die Fälle sind vielfältig und unterschiedlich. Die Menschen, die sie erleben auch. Meine Geschichte und mein Umgang ist ein spezifischer. Manche Menschen werden sich darin wiederfinden, andere nicht. Und genau deswegen brauchen wir alle viele Geschichten. Damit wir alle besser sehen können, wie sich sexualisierte Gewalt äußert. Damit sie sichtbar wird in all ihren Formen – denn nur so können wir sie bekämpfen.


Dieser Artikel thematisiert sexualisierte Gewalt und Beratungsgespräche.


Als ich anrief, waren meine Hände feucht und meine Brust schnürte sich zu. Es legte sich ein Schweregefühl auf meine Atmung. Denn ich war aufgeregt und hatte zugegebenermaßen Angst vor diesem Telefonat.
Verunsichernde Fragen schossen durch meinen Kopf: War das was ich erlebt hatte schlimm genug? Bin ich bei der Stelle überhaupt richtig? Es war der Übergang von Frühjahr zu Sommer in diesem Jahr, als ich einen Beratungstermin ausmachte. Der Termin war bei einer Beratungsstelle für Opfer von sexualisierter Gewalt. Es gelang mir anzurufen. Und es gelang mir zu sagen: Ich habe einen Übergriff erlebt und brauche einen Beratungstermin.

Vor nicht allzu langer Zeit nannte ich den Übergriff noch „die Sache, die mir passiert ist“. Heute nenne ich es einen Übergriff, der eine Form von sexualisierter Gewalt war. Vor nicht allzu langer Zeit, wollte oder brauchte ich einen Beratungstermin noch nicht. Heute bin ich erleichtert auf dem Stuhl gegenüber der Psychologin gesessen zu haben und jederzeit zurück zu können. Viele Schritte haben zu den Veränderungen geführt. Ich kann sie nur noch bruchstückhaft skizieren.

Ein Bruchstück liegt fast ein Jahr vor dem anfangs erwähnten Telefonat in meinem Sommerurlaub: Ich las das Missy Magazin und darin einen Auszug aus Mithu Sanyals Buch „Vergewaltigung“. Beim Lesen kam es wieder: Meine Händen wurden feucht.
Plötzlich standen da Worte, die meine Erfahrung erklärten. Ich las davon, dass Opfer von Vergewaltigungen nicht immer zusammenbrachen und das es manchmal auch geschah, dass sie keine Therapie oder Beratung brauchten, um das traumatische Erlebnis zu verarbeiten. Ich las auch davon, dass die Reaktion auf eine Vergewaltigung sehr vom Kontext abhing und von der individuellen Situation der Person. Ich lernte, dass mein eigenes Bild von sexualisierter Gewalt bzw. Vergewaltigung überhaupt nicht mit meinen eigenen Erlebnissen zusammenpasste. Das stereotype Bild in meinem Kopf hat ein Opfer von sexualisierter Gewalt als gebrochene Person gezeichnet. Ein Bild das viel zu viel ausließ. Eine Person nur auf die gelebte Gewalt reduziert. Kurzum: Mir wurde klar, dass der Übergriff sexualisierte Gewalt war und das er Gewalt bliebt egal wie ich danach darauf reagierte. Das es mir „gut“ ging veränderte nicht die Tatsache, den sexualisierten Übergriff.

Nach diesem Urlaub lernte ich mehr und mehr über das Erlebnis zu sprechen. Anfangs war es „die Sache“ bis es mit der Zeit „der Übergriff“ wurde. Das Wort Vergewaltigung benutze ich bis heute nicht.
Aber ich fand andere Worte, um Freund*innen zu erzählen, was passiert war. Ich erinnere mich an Gespräche. Unterm Apfelbaum im Garten. Beim Spaziergang. Oder einfach bei einer Tasse Tee. Und ich erinnere mich an Zuhörer*innen, die Anteil nahmen. Manchmal mehr dazu sagten. Manchmal weniger. Immer respektvoll und liebevoll waren. Und ich weiß, nicht alle Menschen haben dieses Glück tolle Zuhörer*innen zu finden.
Ich lernte durch diese Gespräche Worte und Gefühle zu entwickeln und zum Ausdruck zu bringen. Manchmal bekomme ich dabei noch feuchte Hände und manchmal fällt mir auch das Atmen ein bisschen schwerer. Aber tatsächlich wurde es mit der Zeit immer leichter.

Ich fühlte mich gut. Es lief gut. Nur eine Situation überforderte mich immer wieder: Wenn ich mit einer Person intim wurde, kam irgendwann der Punkt an dem in mir Aufregung hochstieg. Auch hier: Feuchte Hände. Zugeschnürte Brust. Und das allerschlimmste war die Sprachlosigkeit, die mich überkam. Nicht besonders angenehm, weder für mich noch für meine Partner*innen. Langsam sickerte eine Erkenntnis zu mir durch. Oder vielmehr ein Gefühl, eine Ahnung. Irgendetwas hatte das mit dem Übergriff zu tun. Und deshalb griff ich schlussendlich zum Telefonhörer und vereinbarte einen Termin.

Mit Amelie. Amelie ist Psychologin. Auch sie hörte mir – keine Überraschung – zu, wie es meine Freund*innen taten. Allerdings konnte Amelie noch etwas: Sie malte Skizzen auf ihren Block, die mir erklärten wie ein Gehirn mit schlimmen Erlebnissen umging. Sie gab meinen körperlichen Symptomen Kontext. Sie entwirrte meinen Kopf. Und schlussendlich bot sie mir ein paar ihrer Tipps und Tricks an.

Ich verließ den Beratungsraum nach einer Stunde. Und wenn auch gerade eben noch geweint hatte, war ich plötzlich beschwingt und leicht. Als wäre eine Last abgefallen. Nein, es war eine Last abgefallen. Ich konnte mich neu ordnen. Ich konnte lernen anders mit den Erinnerung umzugehen. Und das war ein neues Bruchstück.


von _e_e_a

_e_e_a lebt mitten im Großstadttrubel. Dort eilt sie oft von A nach B und zur Uni. Neben aller Eile braucht sie aber auch Pausen. Zum Beispiel bei Kaffee und Kuchen. Oder bei einem Spaziergang an der schönen Panke entlang.