Unsichtbar

Ich finde ja, dass mir „Lesbe“ auf die Stirn geschrieben steht. Wenn ich mit meiner Partnerin unterwegs bin, passiert es mir trotzdem oft, dass wir nicht als Paar gelesen werden.


Dieser Artikel thematisiert Heteronormativität, nicht-binäre Identitäten, lebenswertes Leben, Rechtssystem, Queerfeindlichkeit.


# eins

Der Mann hinter dem Tresen schaut etwas verwirrt zwischen seinem Bildschirm und mir hin und her.

„Also ein Bett?“

Ja, EIN verdammtes Bett!, möchte ich ihn anschreien.

Francis und ich stehen im Foyer des InterCity Hotels am Frankfurter Hauptbahnhof und eigentlich bin ich ganz entspannt. Wir sind im Warmen, während es draußen kühl ist und ein bisschen windig – Wetterverhältnisse, die nicht auf das gesamte Bundesgebiet zutreffen, sonst wären wir nicht auf dem Weg von Augsburg nach Berlin in Frankfurt gestrandet. Innerhalb eines Monats hat der zweite Sturm, Herwart, das gesamte nördliche Zugnetz Deutschlands lahmgelegt. Für uns bedeutet es das zweite Mal innerhalb desselben Monats, dass eine Weiterreise unmöglich ist. Es birgt eine gewisse Ironie, dass Sturm Xavier uns beinahe unsere Hochzeit hätte verpassen lassen und Herwart uns nun in diese absurde Hotel-Situation bringt.

Im Gegensatz zu unserer Odyssee vor drei Wochen haben wir heute keine Eile. Als die Zugführerin das Ende unserer Reise bekannt gibt, beschließen wir – ganz entspannt – die Nacht auf Kosten der Bahn im Hotel zu verbringen. Ich gebe zu: Es fühlt sich ein bisschen cool an, mit dieser Selbstverständlichkeit in das Hotelfoyer zu laufen und ganz spontan nach einem freien Doppelzimmer zu fragen. Nach einem kurzen Moment der Spannung, in dem der Concierge seinen Computer befragt – wir sind sicher nicht die einzigen, die diesen Ausweg aus dem Reisechaos wählen – kommt die Entwarnung: Es scheint noch freie Zimmer zu geben.

„Eine Nacht?“

„Genau.“

„Das wären dann 99 Euro, Frühstück ist inklusive.“ Hundert Euro scheinen mir im Rahmen dessen zu liegen, was die Bahn als angemessene Kosten erstatten wird.

„Das klingt super!“, sage ich deshalb und bin schon gespannt darauf, wie schick hier wohl die Zimmer sind und wie ausladend das Frühstück. Meine Beschwingtheit ob der Tatsache, dass sich alles so einfach löst, findet mit der nächsten Frage des Concierge ein jähes Ende.

„Also das sind dann zwei Betten, ja?“ Innerlich bin ich wie vor den Kopf gestoßen, aber wie so oft reagiere ich mehr perplex als verärgert.

„Nein“, sage ich mit einem irritierten Lachen, „wir hätten gern ein Doppelzimmer.“ Was folgt, ist die nun seinerseits verwirrte Nachfrage nach dem einen Bett.

Ich möchte fluchen, laut loslachen, vielleicht einen Schritt zurück tun und einmal auf Francis und mich zeigen und ihn fragen, wonach wir denn wohl aussehen würden – kurze Haare, “Herren”-Jacken, you name it; wenn ihr mich fragt, steht uns “lesbisch” auf die Stirn geschrieben. Aber weil ich ja ein wohlerzogenes, höfliches Mädchen bin, sage ich nur ruhig und mit etwas Nachdruck: „Ja, eins!“, zahle, nehme die Schlüsselkarten entgegen und frage mich, was ich schlimmer finde: dass Menschen mich regelmäßig für einen 14-jährigen Jungen halten oder dass mir die bloße Möglichkeit meines Begehrens in immer wiederkehrenden Alltagssituationen abgesprochen wird?

Ich muss über meine Antwort auf diese Frage nicht nachdenken.

# zwei

Heiraten heißt ja im Grunde nur, im richtigen Moment Zustimmung zu bekunden und ziemlich viele Formulare zu unterschreiben. Irgendwann verliert eine da auch den Überblick: eidesstattliche Erklärungen, Anmeldungen, Urkunden, alles wird irgendwie eins. Trotzdem erinnere ich mich an eine Unterschrift besonders gut. Wir mussten sie direkt vor der Eheschließung abgeben und waren ziemlich überrumpelt.

Bitte unterschreiben Sie hier, dass Sie noch nie verheiratet waren.

Please sign here, that you have not been married before.

Bitte unterschreiben Sie hier, dass Sie keine Verwandten ersten Grades sind.

Bitte unterschreiben Sie hier, dass Sie darüber unterrichtet wurden, dass eine von Ihnen im Eheregister als ‘Ehemann’ eingetragen sein wird.

Bitte was?!

Bitte unterschreiben Sie hier, wenn sie trotzdem heute heiraten wollen.

„Sie wissen ja, wie das ist; da entscheiden die da oben was in einer Hauruck-Aktion und wir müssen dass dann umsetzen.“

Bitte unterschreiben Sie hier, dass die Umsetzung Ihrer Rechte für das System mehr Arbeit bedeutet.

Bitte unterschreiben Sie hier, dass wir uns mit dieser Arbeit unbestimmt viel Zeit lassen werden.

Bitte unterschreiben Sie hier, um die zweigeschlechtliche Matrix beizubehalten.

Bitte unterschreiben Sie hier, dass der Staat Sie nie so anerkennen wird, wie Sie es wollen.

Bitte unterschreiben Sie hier, dass es zwar unerträglich schwer ist, den eigenen Personenstand zu ändern, Sie aber gar keine andere Wahl haben als als Hetero-Paar in ein elektronisches System eingetragen zu werden.

Bitte unterschreiben Sie hier, dass sich niemand um Ihre Gefühle schert.

Bitte unterschreiben Sie hier, dass Sie sich Ihr Kacksystem auch einfach sonst wohin stecken können.

# drei

„Es tut mir wirklich leid, das war ein Versehen, aber ich trage es jetzt richtig ein.“

Der Telefon-Service meiner Krankenkasse ist, wie immer, sehr freundlich und hilfsbereit. So hilfsbereit, dass mir mein Ärger in der Kehle stecken bleibt, ich mich ebenso freundlich bedanke und es erst aus mir herausbricht, als ich aufgelegt habe.

Guten Tag Frau X,

wir freuen uns, dass Sie sich für uns entschieden haben. Ihr Ehemann Y ist seit Oktober bei uns familienversichert.

Mein Ehemann ist eine Frau. Ich schaue nochmal in den Brief der Krankenkasse: Er ist datiert auf den 17. November 2017. Wir Homos dürfen seit anderthalb Monaten eine Ehe eingehen.

Im Türrahmen stehend hat meine Mitbewohnerin das Ergebnis des Telefonats abgewartet und ist nun ganz Ohr.

„Die sind es einfach noch gewohnt, dass Eheurkunden nur von Heten kommen und haben nicht genau hingesehen“, sage ich und weiß eigentlich gar nicht, warum ich versuche, den Fehler zu entschuldigen. Er wäre mit weniger Vorannahmen und mehr Sorgfalt ganz einfach zu vermeiden gewesen. Gerade das macht mich sauer.

Unsere Abweichung von der heterosexuellen Norm begegnet uns eben nicht zwangsläufig in offener Abweisung oder gar Aggression, sondern immer wieder in Nachlässigkeiten. Das Schlimmste daran ist, dass sie nicht böse gemeint sind. Es gibt mir das Gefühl, mich nicht ärgern zu dürfen, nicht wütend sein zu dürfen auf die Person, der dieser Fehler unterlaufen ist. Offener Feindseligkeit kann ich entgegentreten, kann ihr selbstbewusst meinen Körper, die Verkörperung meiner Abweichung entgegensetzen, ins Gesicht schleudern und sagen: „Hier. Komm’ halt drauf klar!“ Heteronormativität dagegen macht mich unsichtbar, und wo ich nicht bin, habe ich auch keine Handlungsmacht. Es ist nicht so, dass uns das System nicht mag, viel schlimmer: Es gibt uns dort nicht.

# vier

„Sie können dann draußen im Wartebereich warten“, sagt der junge Arzt sinngemäß.

Nach einem kurzen Blickkontakt mit Francis drehe ich mich brav um und gehe. Erst als ich schon durch die Tür der Notaufnahme bin, verstehe ich die Situation: Ich bin nur die Dolmetscherin und weil der Arzt Englisch kann, bin ich entlassen.

Meine Füße tragen mich weiter, zum Umdrehen und Einlenken ist es jetzt zu spät. Während ich im Wartebereich sitze, kommt Francis immer wieder für ein paar Minuten zurück, bis sie das nächste Mal aufgerufen wird. An diesem Punkt würde ich wahrscheinlich eh nicht mehr mitkommen, und dennoch fühlt es sich komisch an. Ich wurde nicht weggeschickt, weil keine zusätzliche Person mitkommen sollte – ich wurde weggeschickt, weil unsere Beziehung nur anerkannt wird, wenn sie benannt wird, sonst aber unsichtbar bleibt. Wenn wir uns das Label „Lesben“ nicht anheften, wenn wir die Behandlung als Paar nicht einfordern, bleibt beides ungesehen und ich bin nur die Dolmetscherin.

Beim nächsten Arzttermin sagen wir direkt dazu, dass Francis als Dolmetscherin ihre Partnerin mitgebracht hat – sicher ist sicher. Obwohl der Arzt auch diesmal genug Englisch spricht, darf ich mit ins Behandlungszimmer.

# fünf

Als weiße Person mit einem deutschen Pass habe ich viele Privilegien. Mithilfe der Privilegien kann ich mich in diesem System rassistischer, nationalistischer und patriarchaler Herrschaft meistens einfach und sicher bewegen. Ähnliches gilt für Francis mit ihrem US-amerikanischen Pass. Wir mussten Termine wahrnehmen, Geld investieren und warten, konnten uns aber immer dessen sicher sein, dass niemand unsere Motive anzweifelt, wir auch als lesbisches Paar immer noch von unseren weißen Privilegien profitieren, wenn wir eine Ehe anmelden oder einen Aufenthaltstitel beantragen.

Trotzdem kotzt mich dieses System an, dem ich nicht angehören will, in welches ich mich aber fügen muss, um ein lebenswertes Leben führen zu können. So sehr ich in den letzten Monaten dieses Spiel mitgespielt und mich seinen Regeln unterworfen habe, so sehr will ich mich eigentlich nicht von ihm vereinnahmen lassen. Und seid euch dessen versichert: Das System stellt verdammt sicher, dass ich auch bloß nicht vergesse, dass ich trotz etwas angeglichener Rechte immer noch abweiche, nicht passe, unsichtbar bin … in all meiner (sichtbaren) Nonkonformität.

Wenn es mich nicht gerade viel Energie kostet oder sich eklig anfühlt, versuche ich es zu genießen. Dann habe ich eine fast perverse Freude daran, das Bild zu stören, Arbeit zu kosten, Menschen zu irritieren und zumindest in diesen Momenten eine widerständige kleine Wurzel auf dem ebenen Gehweg zu sein, die Andere zum Stolpern bringt. Und vielleicht zum Nachdenken.


von Löwi

Löwi hat zu viele halb angefangene Hobbys, träumt aber vor allem vom Schreiben und Musizieren. Für Löwi gehören zu einem guten Tag liebe Menschen, gutes (selbstgekochtes) Essen, Musik und queerer Feminismus.