Die glückliche Hure

Seit ein paar Monaten bin ich Sexarbeiterin. Das macht mir Spaß. Dass die Sexarbeit mich als Frau sogar empowert? Das hat mich zunächst überrascht. Hier spreche ich über meine Erfahrungen. Und darüber, wie mir Sexarbeit nicht nur gelingt, sondern mich stärkt und inspiriert.


Dieser Artikel thematisiert Arbeit, Sexarbeit, Care-Arbeit, Selbstverwirklichung, Selbstbestimmung, Freiheit, Empowerment, Promiskuität, BDSM, kink, sexpositiver Feminismus, Privilegien.


Vorbemerkung: Seit ein paar Monaten bin ich Sexarbeiterin. Im Spaß, aber durchaus stolz und genießerisch, nenne ich mich Hure. Spätestens seit den Achtzigern erging es Frauen in der so genannten Hurenbewegung wohl ähnlich. Jedenfalls haben sie sich den Begriff angeeignet. Ich weise aber darauf hin, dass die Bezeichnung von vielen Frauen* weiterhin als abwertend empfunden wird.


Meine Privilegien haben mich zur glücklichen Hure gemacht

Durch eine Verquickung von Umständen ergab es sich, dass ich im letzten Herbst unverhofft an etwas Geld gekommen bin. Dadurch habe ich zum ersten Mal in meinem Erwachsenenleben keine Geldsorgen. Und reichlich Freizeit, ich muss seitdem viel weniger arbeiten. Diese Situation erlebe ich als Privileg. Eines, das ich mir jahrelang nicht einmal zu erträumen erlaubte. Und das ich darum umso bewusster genieße. Endlich habe ich die Ressourcen, darüber nachzudenken, was ich wirklich machen will!

Festzuhalten, dass ich privilegiert bin … ist der einzig mögliche Ausgangspunkt für diesen Text. Ich möchte hier nämlich laut nachdenken: darüber, was die Sexarbeit mir bedeutet. Wie sich meine ersten Schritte als Sexarbeiterin anfühlen. Über Besitzansprüche und deren Verweigerung zu sprechen, persönlich, politisch, selbstbewusst – in einer Debatte um das angebliche Verkaufen meines Körpers, jenen unredlichen, selbstausbeuterischen Akt, vor dem ich nach Meinung Vieler beschützt werden müsste, ist mir nämlich genau dadurch erst möglich, dass meine Privilegien mich in genau diesen Job als Sexarbeiterin gebracht haben, den ich mir jetzt souverän und frei gestalten kann. Ich werde versuchen, das später zu erklären.

Zähle ich aber zunächst meine Privilegien auf: Ich bin weiß und able-bodied. Mein Körper und mein Gesicht entsprechen gängigen Schönheitsnormen. Auch mein Esprit wird dem Ideal des so genannten High Class Escorts gerecht. Ich bin mit Köpfchen und Freigeist ausgestattet und gebildet, sogar akademisch. Neben der so genossenen Bildung als verinnerlichtem kulturellem Kapital (kann im Sterne-Restaurant unangestrengte, heitere Konversation führen, kenne diverse Benimm-Codes, beherrsche sapiosexuellen Smalltalk etc.) verfüge ich aktuell aber eben sogar über ökonomisches Startkapital (zentral für die autonome Gestaltung meiner Sexarbeit, wie ich später zeigen werde). Wenn alle Stränge reißen, sind da aber eh immer noch Mama und Papa, die mir zwar die Hölle heiß machen und mich gnadenlos ärgern, die aber dennoch die Zwangsräumung jederzeit verhindern würden. Außerdem erarbeite ich mir als fleißige Menschenfreundin allmählich Sozialkapital: wertvolles Vitamin B, das mich im Berufsleben (auch als Sexarbeiterin) potentiell weiter bringt als Andere. Auch dabei helfen mir meine Privilegien.

Das ist der Rahmen, der mir gesetzt ist. In diesem Rahmen kann ich mich als Sexarbeiterin sehr frei bewegen.

Meine Verhandlungsposition auf dem Sexmarkt ist stark

Irgendwann im letzten Herbst klappe ich den Laptop auf. Ich öffne erstmals die Website www.kaufmich.de – welch sprechender Name für eine virtuelle Escort-Vermittlung im Jahr 2017. Und naja, auch in 2018, die Seite scheint super zu laufen.

Ich lege ein Profil an. Intuitiv wähle ich ein Pseudonym, das sowohl bildungsbürgerlich als auch verspielt anmutet. Auch den Profiltext schreibe ich spontan. Die von mir inszenierte Persona ist ein strahlendes Individuum: neugierig, selbstsicher, zielstrebig, eloquent und zugewandt. Mein Postfach befindet sich seither in Dauerüberschwemmung. Ich habe kontinuierlich viel Auswahl. Meine potentiellen Kunden erforsche ich zuerst virtuell. Auf den Kunden-Profilen finde ich neben einer Selbstbeschreibung weitere Informationen: beispielsweise über sexuelle Vorlieben, bevorzugte Frauentypen, Date-Vorstellungen. Dabei lese ich auf verschiedenen Ebenen, nicht zuletzt jener der Selbstoffenbarung sowie der möglichen Manipulation derselben. Als geübte Online-Daterin lese ich eh immer zwischen den Zeilen, zum Beispiel rieche ich toxische Maskulinismen inzwischen 42 Meilen gegen den Wind. Ein zusätzliches Sicherheitsgefühl vermitteln die Bewertungen – via Kurztext und Sterne-Rating durch andere Escorts – die direkt auf dem Kunden-Profil einsehbar sind. Ein Kunde ist nicht zum vereinbarten Date erschienen? Er weigerte sich, zu duschen? Er ist, ohne zu bezahlen, nach 10 Minuten aus der Wohnung gestürmt? Wenig vertrauenswürdig, lieber weitersurfen. Ebenso nehme ich es dankbar wahr, wenn ein Kunde eine Reihe von positiven Ratings hat, glaubwürdige und wohlwollende 5-Sterne-Bewertungen von anderen Sexarbeiterinnen, deren Profile mir sympathisch sind.

Halten wir also fest: Ich kann mir meine Kunden aussuchen. Sie gründlich vorselektieren. Und sie danach im virtuellen Austausch gezielt auf Herz und Nieren prüfen.

Die Höhe meines Honorars lege ich nach eigenem Gutdünken fest. Natürlich orientiert sich der Preis eines Dates mit mir am Marktwert, also am Verhältnis von Angebot und Nachfrage im Marktsegment der so genannten High Class Escorts. Dabei kann ich hoch pokern. Ich verhandle nämlich gar nicht erst. Meine Bedingungen sind fix, weil ich’s mir leisten kann, eben weil ich den jeweiligen Job gerade nicht brauche. Außerdem spüre ich deutlich, wie großzügig ich bin, während ich mich auf das jeweilige Szenario einlasse. Und mich dabei voll und ganz als Mensch und sexuelles Wesen einbringe. Das bedeutet: Mein Honorar könnte gar nicht hoch genug sein, den Wert der Zeit könnte es doch nicht widerspiegeln. Ich bin mir dieses Werts ganz bewusst. Das ist ein schönes, starkes Gefühl und zugleich mein Trumpf.

Ich finde es aber wichtig, das klar zu sagen: Ohne meine Privilegien, die ich nicht mehr verdient habe als Andere, sähe das alles womöglich ganz anders aus. Ich bin eine selbstbestimmte Sexarbeiterin und genieße jeden Job – gerade weil ich es mir leisten kann, Jobs abzulehnen. Und weil es mir nichts ausmacht, potentielle Jobs durch mein selbstbewusstes Auftreten zu riskieren. So kann ich während der oft nervtötenden Akquise und in den Dates souverän agieren, ohne Angst haben zu müssen, den Kunden zu verschrecken – weil er es etwa nicht aushält, dass ich sexuell emanzipiert bin, dass ich auf Konsens stehe.

If you want a job done well, hire a professional

Meine Verhandlungsposition ist aber aus einem weiteren Grund stark: Ich liebe Sex. Ich liebe Kommunikation. Und ich mag Menschen (die meisten). Ich bin kink-freundlich. Monogamie ist mir eher unsympathisch. Promiskuität ist mir eher sympathisch. Ich bin eine unkomplizierte, lustvolle Nähefetischistin. Damit bin ich (leider, aber nicht mehr lange, versprochen!) eine weibliche Ausnahmeerscheinung auf dem Sex- und Liebesmarkt. Auch darum schreibe ich diesen Text. Wir promiskuitiven Frauen sind eigentlich gar nicht so wenige, bloß sind wir in der Öffentlichkeit noch nicht sichtbar und akzeptiert genug. Um mit Eva Illouz zu sprechen – bzw. um ihren Überlegungen zum ungleichen Geschlechterverhältnis bei Angebot und Nachfrage auf dem Sex- und Liebesmarkt zu folgen: Ich bin eine Rarität. Denn ich bin weiblich, Mitte Dreißig und auf der Suche nach Sex ohne Partnerschaftsvertrag. Mir gegenüber stehen viele, viele heterosexuelle Männer, die genau dasselbe suchen. Die aber zum Beispiel wiederholt die Erfahrung gemacht haben, dass Frauen von ihnen irritiert, verletzt und enttäuscht sind. Weil sie zwar Nähe, aber keine Partnerschaft wollen. Viele dieser Männer suchen neue Wege zum Sex – inklusive Kuscheln, Reden und Ausflügen. Ein solcher Weg kann etwa ein finanzieller Deal sein, der diesen Männern ein genau festgelegtes Maß an Intimität ermöglicht, und der ihnen zugleich ein genau festgelegtes Maß an Autonomie verbrieft. Ein kurzer Blick in mein Huren-Postfach beweist mir: Dieses Potential haben viele Männer erkannt. Auch meine Erfahrung innerhalb der Dates als Sexarbeiterin bestätigt mir das.

Augenhöhe: ausgerechnet im Verhältnis von Hure und Freier?

Im Gespräch mit cis-männlich sozialisierten Freunden kommt immer wieder die Frage nach der Reziprozität auf. Genauer: Es wird vermutet (oder sogar behauptet), dass diese Wechselseitigkeit nicht zu finden sei. Weil Intimität (ganz) bestimmt nicht käuflich zu erwerben sei. Durch Geld erlangte Intimität wird oft als innerer Widerspruch ausgelegt. Dabei sprechen meine Freunde ganz persönlich, es geht ihnen darum, dass sie selbst es sich nicht vorstellen können, jemals Freier zu sein, das etwa zu genießen. Diese Einschätzung kann ich nachvollziehen. Trotzdem mag ich widersprechen. Aufgrund meiner bisherigen Erfahrung als Sexarbeiterin weiß ich: Intimität und wechselseitiges Begehren sind beim Pay-Sex möglich. Ausgerechnet in der Konstellation Hure Freier erlebe ich gerade (übrigens zum ersten Mal seit Jahren!) ganz entspannte Augenhöhe in einem heterosexuellen Kontext. Im Folgenden möchte ich erörtern, wie ich mir dieses Phänomen bisher erkläre.

Das Honorar ist für mich symbolisch. Es fungiert als Spielgeld.

Und zwar in mehrerlei Hinsicht.

Sich freikaufen

Als Spieleinsatz ermöglicht es zuerst das Spiel. Worin besteht dieses Spiel? Leichtigkeit. Vergnügen. Fair Play. Intimität und Nähe. Letzteres mag überraschen: Wie kann ausgerechnet Geld zwischenmenschliche Nähe ermöglichen? Die Beweggründe von Freiern habe ich bereits schlaglichtartig beleuchtet. Worauf wetten meine Freier mit ihrem Spieleinsatz? Weil ich neugierig bin und es die Qualität meiner Sexarbeit verbessert, erkundige ich mich danach häufig. Sie wetten: auf körperliche Nähe, auf sexuelle Befriedigung, auf ein Abenteuer, auf zwischenmenschliche Nähe. All dies begehren meine Freier unter der Prämisse, dass sie keine emotionalen Verstrickungen mit sich bringen. Meine Freier wollen sexuelle Fantasien und Nähe leben, aber darüber hinaus keiner fremden Erwartung gerecht werden müssen. Sie wollen für keine Bedürfnisse zu sorgen haben, die über das Spiel hinausgehen. Weder eigene Bedürfnisse noch fremde. Aus welchen Gründen auch immer sie dazu nicht willens oder in der Lage sind. Sie wünschen sich also eine Art Garantie, eine Sicherheit in Bezug auf ihre Autonomie. Sie träumen davon, auf diese Weise keine Frau zu verletzen, und von keiner Frau verletzt zu werden.

Zugewandtheit als professionelle Schlüsselkompetenz

An dieser Stelle könnte ich mit der Analyse aufhören, damit wäre der Akt, und alles drumherum, eben genau das: eine Dienstleistung. In dem so verstandenen Setting verkaufte ich ihnen das jeweilige Spiel, das sie mit mir spielen wollen. Und wäre selbst mehr oder minder unbeteiligt. Nun gehe ich aber einen Schritt weiter und behaupte: Als Dienstleisterin bin ich niemals unbeteiligt. Weder in meinem Hauptberuf noch als Sexarbeiterin. Ich bringe mich immer voll und ganz ein, meine ganze Person – darunter will ich es nicht und darunter kann ich es auch gar nicht. Im nächsten Schritt fällt mir ein Haufen Berufsgruppen ein, die das ähnlich handhaben: Psychotherapeut*innen zum Beispiel oder Altenpfleger*innen, DJs, Kinderkrankenpfleger*innen auf der Krebsstation, Künstler*innen, Maler*innen, Life Coaches usw. – die wenigsten geben ihr Menschsein und ihre Zugewandtheit mit der Stechuhr ab. Gerade ihr Sosein macht sie zu Professionellen in ihren Metiers. Warum sollte das bei Sexarbeiterinnen anders sein?

Wechselseitiges Begehren

Aber da höre ich noch immer nicht auf mit der Analyse. So wie ich es erlebe, ermöglicht der Wetteinsatz nämlich ein Spiel für zwei (!) Spielpartner, nicht nur für einen. Ich bin ja auch diejenige, die mit demjenigen spielen will. Grundsätzlich aus Gründen, die in der Person liegen. Und zwar in der Person, die ich in genau diesem Kontext kennengelernt habe. Der Person, die ich in genau diesem Kontext verführen will und von der ich verführt werden möchte. So entsteht wechselseitiges Begehren. Auf diese Weise kauft mein Freier nicht nur sich selber frei, sondern auch ich lasse mich von meinem Freier so freien.

Verbindliche Unverbindlichkeit

In diesem Kontext kann ich mich fallenlassen, ohne zu befürchten, dass der Andere Besitzansprüche an mich hegt oder gar verlautbart. Diese Erfahrung ist so kostbar. Als Frau ohne konkreten Bindungswunsch, der die eigene Autonomie wichtig ist, haben sich in der Vergangenheit interessanterweise gerade die bindungsverunsicherten Menschen gelegentlich in mich verliebt. Und diese Gefühle leider oft missverstanden als Berechtigung, mich zu besitzen und zu manipulieren. Den finanziellen Deal erlebe deshalb auch ich als Garantievertrag … oder wenigstens als transparente Absichtserklärung – dahingehend, dass auch ich meine Autonomie behalten soll. Das ist eines der gemeinsam vereinbarten Ziele. Es gilt für beide Seiten. Dadurch ist die Begegnung relativ gleichberechtigt, authentisch und intim. Frei von Angst.

Anerkennung der geleisteten Beziehungsarbeit

Als Sexarbeiterin erlebe ich viel Dankbarkeit, Wertschätzung und Respekt – meiner Person gegenüber, und vor allem gegenüber der Zeit und Energie, die ich aufwende, investiere, verschenke und verkaufe. All diese immaterielle Honorierung erhalte ich zusätzlich zur monetären Anerkennung der Zeit, die ich damit verbringe, mich achtsam zuzuwenden. Solche Wertschätzung von mir geleisteter Beziehungsarbeit bin ich gar nicht gewohnt. Die meisten cis-sozialisierten Männer, mit denen ich in der Vergangenheit ein romantisches oder erotisches Verhältnis führte, haben diese Arbeit als selbstverständlich behandelt. Und sie dabei selbst unverhältnismäßig wenig geleistet. Damit haben sie mir die Hauptverantwortung für die fürsorglichen und gestalterischen Aspekte der Beziehung zugeschoben. Ich habe oft ausgesprochen, dass ich mir diesbezüglich mehr Gleichberechtigung wünsche. Oder wenigstens ein bisschen Anerkennung. Meistens vergeblich. Das ist eine Erfahrung, die ich leider mit vielen Freundinnen teile. Vor diesem Hintergrund bedeutet mir jener Effekt des Spielgelds besonders viel: Es wirkt nämlich so, als mache das Spielgeld meinen Freiern bewusst, wie wertvoll die Zeit mit mir ist. Wie sonst erklärt es sich, dass ausgerechnet diese Männer, meine Kunden, mich und meine Zeit zuverlässig mit Wertschätzung und Respekt behandeln?

Sexarbeit als Arbeit, auf die ich Lust habe

Das Spielgeld bedient zugleich einen Kink von mir: das Spielgeld, das mich erniedrigt und vergöttlicht. Ich lasse mich dadurch, bewusst, explizit und auf der Basis von Konsens, für einen bestimmten Zeitraum zum Sexobjekt machen, ohne dabei mein Vetorecht aufzugeben, das jederzeit fortbesteht. Darüber hinaus, aufgrund der von mir festgelegten Höhe des Honorars, stelle ich lustigerweise ein sehr wertvolles Objekt dar. Die Erregung ist also echt.

Spielgeld zum Ausgeben

Um der Funktion des Spielgelds gerecht zu werden, gebe ich das durch die Sexarbeit verdiente Geld bisher nur für schöne Sachen aus. Womit wir wieder das Thema Privileg berühren, sei’s drum, es ist gerecht. Ich gebe jetzt hohe Trinkgelder. Der Frisörin, die mir für die Nacht im Luxushotel eine aufwendige Hochsteckfrisur macht. Dem Taxifahrer, der mich souverän zu der versteckten Adresse des Hipster-Club-Restaurants fährt. Dem Food-Lieferanten, der mir spät am Abend noch Essen bringt, weil ich vom Vögeln ganz hungrig und faul bin. Nach Jahren des chronischen Knapp-bei-Kasse-Seins empfinde ich es als Luxus, endlich großzügig sein zu können. So mache ich aus dem Spielgeld wieder echtes Geld. Das bereitet mir Freude. Außerdem mache ich jetzt öfter Geschenke, einfach so, meinem notorisch blanken Baby-Bruder, der Kollegin, der besten Freundin, die gerade mit einer Mieterhöhung kämpft. Oft gönne ich mir selbst auch Luxussachen. Zum Beispiel Feinkost, Flugtickets und Bücher im Original. Oder halt ein Kosmetikbesuch und schicke Lingerie für das nächste Date.

It’s sexwork in progress

Das hier ist eine Momentaufnahme. In genau diesem Moment möchte ich weiter Sexarbeit leisten. Ich bin von dieser Tätigkeit fasziniert. Sie ist noch weitaus interessanter, als ich angenommen hatte, während all der Jahre, in denen ich von ihr fantasierte. Ich erwarte, dass sich die Bedeutung, die Sexarbeit für mich hat, in den nächsten Monaten weiter verändern wird. Das Geld, an das ich im letzten Herbst so unerwartet gekommen bin, wird früher oder später aufgebraucht sein. Dann werde ich mir wieder einen Hauptjob suchen müssen. Dann wird sich zeigen, in welchem Rahmen ich Sexarbeit nebenberuflich fortführen kann. Es wird vielleicht eine Kraft- und Zeitfrage. Ich fände es schön, das Potential des Spielgelds noch ein bisschen zu explorieren. Gleichzeitig frage ich mich neugierig, wie ich Sexarbeit wohl erleben würde, wenn ich auf das Honorar angewiesen wäre. Auch dieses Szenario stelle ich mir jetzt vor: dass ich als Sexarbeiterin demnächst vielleicht einen Teil meiner Miete verdiene, im Sinne eines finanziellen Zubrots. Dabei frage ich mich, unter welchen Voraussetzungen mir Sexarbeit weiterhin gelingen kann – ohne dass ich die Leichtigkeit und die Freude an ihr verliere. Aber so ist das ja mit jedem Talent oder Hobby, von dem man erwägt, es zum Beruf zu machen.

Eine glückliche Hure zu sein

Inzwischen verstehe ich, dass mein Schritt in die Sexarbeit lediglich ein weiterer Schritt war – auf meinem Weg zu mehr Selbstbestimmtheit und Freiheit. Das ist ein Weg, den ich schon länger gehe. Ich war bereits ziemlich emanzipiert, als Frau, als Mensch, als sexuelles Wesen. Erst dadurch, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben über ausreichend Selbstbewusstsein, Kapital und Zeit verfügte, war es mir möglich, eine selbstbestimmte Hure zu werden. Es war gerade meine Sehnsucht nach Freiheit, meine Lust auf Selbstbestimmung, die mich zu diesem Schritt veranlasst haben. Das verstehe ich jetzt erst.

Meine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und ernst zu nehmen, wurde mir nicht in die Wiege gelegt. Dass ich okay bin, genau so wie ich bin, musste ich erst lernen. Und ich lerne es immer noch. Es ist ein Prozess, der vielleicht niemals ganz aufhört. Meine Tätigkeit als Sexarbeiterin hat mich ein weiteres Stück vorangebracht auf diesem Weg. Das selbstbewusste und explizite Aussprechen von Bedürfnissen, von Wünschen, – ja, sogar von Bedingungen, unter denen ich mich hingebe! – erlebe ich als einen Akt der Selbstermächtigung. Indem ich es tue, erfahre ich es.

Mit der Sexarbeit habe ich mir einen Traum erfüllt. Im Scherz habe ich früher manchmal zu meinen Freundinnen gesagt, wenn ich im Sterbebett läge, dann würde ich meinen Enkelinnen predigen: „Eine Sache bereut eure Großmutter, und zwar, dass sie niemals den Mut hatte, Hure zu werden! Ich bin jetzt so sehr stolz, dass ich mich endlich getraut habe. Und ich bin dankbar, überrascht und glücklich, dass mir diese Arbeit so viel Spaß macht.

Je nach Resonanz werde ich hier gerne wieder berichten.

 

Verweise
Warum Liebe weh tut – Eine soziologische Erklärung, von Eva Illouz, Suhrkamp 2012. URL: http://www.suhrkamp.de/buecher/warum_liebe_weh_tut-eva_illouz_46420.html

Die neue Liebesordnung – Frauen, Männer und Shades of Grey, von Eva Illouz, Suhrkamp 2013. URL: http://www.suhrkamp.de/edition-suhrkamp-digital/die-neue-liebesordnung_1056.html

Ökonomisches Kapital – Kulturelles Kapital – Soziales Kapital, von Pierre Bourdieu, In: Reinhard Kreckel (Hrsg.): Soziale Ungleichheiten. Göttingen 1983, S. 183–198. PDF: http://unirot.blogsport.de/images/bourdieukapital.pdf


von Laura

Laura ist gerade ans Meer gezogen. Damit hat sie sich einen Traum erfüllt. Sie hat ein großes Herz und sie mag Menschen. Und sie ist gerne allein. Dann genießt sie die Stille, oder das Rauschen der Brandung.