Mein Tag hat auch nur 24 Stunden

Schläfst Du überhaupt? ist eine der gängigen Fragen, die Menschen mir stellen, wenn sie erfahren, was ich alles so mache in meinem Leben.


Dieser Artikel thematisiert Rassismus, Lohnarbeit, Arbeit, Klassismus, Bildung, Sexismus.


Oft werde ich gefragt, wie viele Stunden mein Tag eigentlich hat. Ich arbeite ziemlich viel und bin in unterschiedlichen Kontexten unterwegs. Einerseits arbeite ich angestellt mit einer halben Stelle im Antidiskriminierungsbereich. Ich bin freiberuflich in der Politischen Bildung und gebe deutschlandweit Seminare und Workshops. Im selben Kontext besuche auch ich viele Workshops, Fortbildungen, Tagungen und Kongresse.

Ich gebe Kurse in Fitnessstudios. Und selber trainiere ich auch, mindestens drei- bis viermal die Woche. Ich bin Reiseleiterin* und fahre in unregelmäßigen Abständen mit Reisegruppen aus Deutschland nach London, um ihnen die Stadt zu zeigen.

Zudem habe ich vor Kurzem noch ein Masterstudium der Gender & Queer Studies angefangen. Ich habe die Uni ein wenig vermisst – nicht die Universität an sich, und bestimmt auch nicht die Universität zu Köln, aber den akademischen Kontext: sprich den Zugang zu Literatur, zu Wissen, die Konzentration der Auseinandersetzung mit Texten, Perspektiven, Konzepten. Danach hatte ich Sehnsucht (Übrigens habe ich sehr schnell festgestellt, dass ich die Unizeit etwas romantisiert habe. Darüber erzähle ich vielleicht mehr in einem anderen Blogeintrag).

Außerdem existiere ich natürlich auch außerhalb dieser unterschiedlichen Arbeitskontexte. Ich liebe meine Freund*innen, führe eine Beziehung und bin auch noch in eine Familie mit Eltern, Geschwistern und allerlei Anhang eingebunden. Ich gehe gerne Cappuccino trinken oder essen. Überhaupt bin ich viel unterwegs, mein Leben spielt sich außerhalb ab, es gibt keinen Tag, den ich komplett in meiner Wohnung verbringe.

Ich bin in sozial-ökonomisch prekären Verhältnissen aufgewachsen. Das Studium meines Vaters ist in Deutschland nie anerkannt worden. Meine Eltern haben in Fabriken gearbeitet. Meine Mutter war (als Mutter von uns vier Kindern) irgendwann mal Hausfrau und mein Vater war (als Vater von uns vier Kindern) irgendwann mal arbeitslos. Wir sind von der einstigen Sozialhilfe bis in das 2005 neu eingeführte Hartz 4 gerutscht. In der Schule lernte ich im Sozialkundeunterricht, dass Sozialhilfeempfänger*innen wie wir auch „Sozialer Abschaum“ genannt werden. Ich habe miterlebt, wie mein Vater immer wieder vergeblich versuchte, beruflich Fuß zu fassen, wie sein Selbstbewusstsein dadurch immer weiter sank, wie er Entscheidungen bereute und sich Vorwürfe machte. Und Rassismuserfahrungen waren Teil unseres Alltags.

Mit 13 Jahren habe ich bereits mein erstes eigenes Geld verdient, als ich am Marktstand aushelfen durfte. Mit 14 fing ich an, Zeitungen auszutragen. Und sobald ich 16 wurde, habe ich regelmäßig gekellnert. Die längste Zeit, die ich seither mal ohne einen Job verbracht habe, betrug drei Monate.

Trotz Bafögs habe ich neben meinem Studium arbeiten müssen. Irgendwann fiel das Bafög weg, ich habe noch mehr arbeiten müssen, mein Studium zog sich in die Länge. Meine Magisterarbeit schrieb ich bei einer 40-Stunden Woche abends und am Wochenende. Ich habe bereits so viele Jobs gehabt wie manche ihr Leben lang nicht haben werden.

Nach Abschluss meines Studiums habe ich zwei Jahre nach einer Anstellung gesucht, die halbwegs meinen Qualifikationen als Soziolinguistin* entspricht. In der Zeit finanzierte ich mich zunächst durch ALG I, dann mit Hartz 4, ich gab durchgehend Nachhilfe und später arbeitete ich als Persönliche Assistenz für eine körperbehinderte Frau*. Nebenbei bot ich ehrenamtlich in einem Jugendzentrum eine Schreibwerkstatt für Mädchen* an. Mir war bewusst, dass ich als Frau* of Color mit Anfang 30 schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben würde als manch andere. „Gebärfähiges Alter“, nicht-deutsch markierter Name, arabische Sprachkenntnisse – ich bin in den zwei Jahren zu insgesamt zwei Vorstellungsgesprächen eingeladen worden.

Daher habe ich versucht, mir parallele Strukturen aufzubauen. Eher durch Zufall kam ich an die Arbeit als Reiseleiterin*. Auch die Aufträge als Trainerin* im Fitnessstudio und als Politische Bildnerin* kamen eher langsam und durch Glück zustande. Erst als der Bedarf nach arabischsprechenden Fachkräften im sozialen Bereich immer größer wurde, bin ich plötzlich zu Vorstellungsgesprächen eingeladen worden. Jetzt endlich habe ich eine Stelle gefunden, die mich nicht mehr nur auf diese Sprachkenntnis reduziert, sondern mich aufgrund meiner fachlichen Kompetenzen eingestellt hat. Die freiberufliche Arbeit habe ich dennoch beibehalten.

Immer wieder versuche ich, meinen Workload zu reduzieren. Aber es klappt und klappt einfach nicht. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich es mir nicht leisten kann, weniger zu arbeiten. Es könnte ja sein, dass ich morgen doch wieder ohne Job dastehe. Ich denke, ich muss so viel wie möglich aus diesen Chancen, die ich momentan habe, herausholen. Ich muss mich noch mehr professionalisieren und meine Netzwerke erweitern – auf der Suche nach verbündeten Menschen. Ich muss mir mehr und mehr Wissen aneignen, damit ich noch besser argumentieren kann, wenn mir als Frau* of Color mal wieder meine Fachlichkeit abgesprochen wird. Ich benötige Theorie – damit ich strukturelle Ausgrenzungsmechanismen noch expliziter benennen kann. Je mehr ich verstehe, desto leichter fällt es mir, mir einzubilden, dass es mich schützt.

Es gibt kaum Grenzen zwischen meinem beruflichen und meinem privaten Leben. Rassismus- und Sexismuserfahrungen sind ein Bestandteil meiner Identität. Sie gehören zu meiner Sozialisation. Und sie sind ein Teil meines Alltags. Sie prägen maßgeblich den Inhalt meiner Arbeit im Antidiskriminierungsbereich und in der politischen Bildung.

Das Gefühl, Feierabend zu haben, kenne ich nicht. Stattdessen drängt es mich, meine Zeit effizient zu nutzen, um mich immer noch weiter zu bilden. Ich handle immer wieder aufs Neue die Frage aus, welche politische und gesellschaftliche Verantwortung ich trage.

Seit drei Jahren steht eine Gitarre in meinem Zimmer. Ich übe mich darin, mir Zeit zu schaffen, Zeit zum Spielen. Das muss ich üben. Ich möchte bald darauf spielen können. Weil ich Lust darauf habe.

Einfach so.


von Jini

Jini lebt in Köln, arbeitet viel, liebt Sport und Cappuccino. Als Soziolingui*stin und Politische Bildneri*n analysiert sie* gerne den Zusammenhang von Sprache und Macht in der Gesellschaft. Dabei schreibt sie* aus einer postkolonialen und intersektionalen Perspektive, weiß aber auch, dass die Perspektive einen andauernden selbstreflexiven Prozess bedeutet.