Die blinden Flecken weißer Feministinnen

Nicht jede Feministin, die weiß ist, ist eine weiße Feministin. Und sogar ich als Woman of Color denke manchmal wie eine weiße Feministin. Was bedeutet weißer Feminismus für mich?


Dieser Artikel thematisiert weißen Feminismus, intersektionaler Feminismus und Privilegien.


„Manchmal denke ich“, sage ich zu einem deutschen Kumpel, „dass du einfach ein Problem mit dem Feminismus hast!“

Es ist 2011 und ich bin noch nicht bei Twitter angemeldet.

„Ich habe kein Problem mit dem Feminismus!“, antwortete er, „Ich habe ein Problem mit dem weißen Feminismus!“

„Na ja, ich weiß nicht“, sage ich, „Ich habe den Eindruck, dass es weißen Männern oft erst dann möglich ist, zu verstehen, dass Weißsein ein Privileg ist, wenn es um Feminismus geht.“

Ich wurde von einer Feministin großgezogen, die zwar weiß, aber nicht sehr privilegiert ist. Der Feminismus meiner Mutter, einer Frau aus der Arbeiterklasse, ist ein pragmatischer, praktischer Feminismus, er ist aus der Not heraus entstanden. Meine Mama findet, dass Frauen studieren und arbeiten dürfen sollen, dass sie nicht geschlagen werden sollen – und dass sie dafür kämpfen, kämpfen, kämpfen müssen. Meine Mama war immer solidarisch mit jenen Frauen aus der Nachbarschaft, die Opfer häuslicher und/oder sexualisierter Gewalt waren. Meine Mama hat Frauen immer geglaubt, lange bevor #ibelieveher ein Hashtag wurde. Ich werde nie vergessen, wie sie vor dem Fernseher triumphierte, als sich in der Folge einer Seifenoper herausstellte, dass das Teenagermädchen doch nicht über den Nachhilfelehrer gelogen hatte.

Aufgrund ihrer feministischen Erziehung dachte ich oft, dass Frauen, die sich nicht als Feministinnen bezeichnen, sich einfach hassen. Und dass Männer, die den Feminismus ablehnen, einfach ein Problem mit Frauen im Allgemeinen und mit der Frauenbefreiung im Besonderen haben. Es mag naiv klingen, aber erst Twitter hat mir die Augen geöffnet. Weibliche Twittererinnen wie @Judeinlondon2 oder @Samabreen_ oder die in den Niederlanden lebende @redlightvoices haben mich dafür sensibilisiert, was eine weiße Feministin ist, und inwiefern ihr Feminismus mit Vorsicht zu genießen sein kann.

Was ist eine weiße Feministin?

Nicht jede Feministin, die weiß ist, ist eine weiße Feministin. Übrigens glaube ich, dass man auch gar nicht unbedingt eine weiße Hautfarbe haben muss, um eine weiße Feministin zu sein. Ich kenne mich selbst, und weiß, dass ich ab und zu (vielleicht, wenn ich ehrlich bin, viel öfter als ich zugeben möchte) Ansichten des weißen Feminismus teile. Eine weiße Feministin ist eine Feministin, die dafür kämpft, Frauen aus dem Gefängnis des Patriarchats zu befreien – ohne zu merken (Sieht sie es einfach nicht? Oder schaut sie bewusst weg?) dass viele Frauen nicht nur unter sexistischer Unterdrückung leiden, sondern auch von anderen Diskriminierungsformen betroffen sind, zum Beispiel aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Hautfarbe und/oder weil sie aus anderen Gründen von gesellschaftlicher Ausgrenzung betroffen sind. Was mich an weißen Feministinnen oft so frustriert, ist, dass dieses Einfach-nicht-sehen-können bei Sexismus gar nicht da ist. Wenn es um Frauenfeindlichkeit oder Sexismus geht, dann sehen weiße Feministinnen ganz genau, wie die sozialen Strukturen Frauen indirekt oder direkt ausschließen und benachteiligen. Sie sehen genau, dass, obwohl es nicht illegal ist, dass eine Frau CEO wird, oder US-Präsidentin, dass es für viele Frauen unmöglich ist, solche Dinge zu erreichen. Dass  es so viel wahrscheinlicher ist, dass eine Frau durch reale und abstrakte Blockaden bricht (z.B. fehlende Kinderbetreuung oder die allgemeine Missbilligung der Frau, die zu laut und selbstbewusst ihre Meinung vertritt). Diese analytischen Fähigkeiten können weiße Feministinnen aber nicht bei anderen Diskriminierungsformen anwenden. Bei Diskussionen in den Sozialen Medien klingen weiße Feministinnen für mich oft wie alte Sexisten – sie klagen plötzlich über die angebliche Opfermentalität ihrer Diskussionspartner*innen, werfen ihnen Paranoia vor. Dann betonen sie, wie wichtig es doch sei, jetzt nicht abgelenkt zu werden – von den kleinen Problemen bestimmter Gruppen, wenn es doch um ein viel größeres Ziel geht.

Ich möchte hier ehrlich (und beschämt) zugeben: Ich ertappe mich selbst oft dabei, wie ich solche Abwehrmechanismen reproduziere, wie ich reflexhaft so ähnliche Gedanken denke – viel öfter als mir lieb ist. Und dann erschrecke ich darüber, wie viel leichter es mir fällt, Unfairness zu sehen, systematische Unterdrückung anzuerkennen, mich zu empören, wenn es sich um Privilegien handelt, die ich selbst nicht besitze (z.B. Weißsein), während ich mich bewusst dafür entscheiden muss, dasselbe zu tun, wenn es um Privilegien geht, die ich selbst besitze (able-bodied, cis, heterosexuell usw.).

Zwei Beispiele für weißen Feminismus

Wenn ich an weißen Feminismus denke, an seine Fehler und blinden Flecken, denke ich sofort an zwei Kampagnen, eine im Vereinigten Königreich und eine hier in Deutschland. In der UK hat Caroline Criado-Perez mit der Hilfe von Twitter erfolgreich dafür gekämpft, dass die britische Schriftstellerin Jane Austen auf die Geldscheine kommt, nachdem Elizabeth Fry (übrigens voll geil, die Frau, googelt sie bitte!) durch Winston Churchill (kotz) ersetzt worden war. Durch diese Aktion war erstmals wieder eine Frau auf der britischen Währung (abgesehen von der Königin, woran uns viele männliche Twitterer regelmäßig erinnert haben, aber die Königin ist drauf, weil sie geboren wurde, und nicht wegen dem, was sie erreicht hat). Und das Beispiel für weißen Feminismus in Deutschland wäre für mich diese Petition, in der verlangt wurde, dass Seehofer mehr Frauen in sein nationalistisches und nostalgisches Heimatministerium aufnehmen solle.

Es liegt verlockend nahe, beide dieser Projekte als lächerlich und naiv abzustempeln. Haben wir wirklich keine größeren Probleme? Ihr kümmert euch um die Geldscheine, aber WoC oder Frauen mit so genannten Behinderungen haben echte Geldprobleme! Wann kommt endlich mal eine PoC auf einen Geldschein? Stattdessen Jane Austen, diese feine Lady, die niemanden und nichts kritisiert oder provoziert, herausfordert. (Diese Einschätzung von Jane Austens Werk teile ich übrigens nicht, aber auf einer symbolischen Ebene repräsentiert sie wohlhabende, weiße Damen, die schreiben). Und dann, noch wütender: Ist es wirklich das, was euch an Seehofers Heimatministerium stört? Die mangelnde Frauenquote? Sein Ministerium wird dafür sorgen, dass die Leben aller nicht-weißen, aber vor allem die Leben aller nicht-weißen UND nicht-deutschen Personen (z.B. Asylbewerber und Flüchtlinge) in diesem Land beschissener werden. DAS IST SEIN ZIEL JETZT! Und ihr wollt, dass mehr Frauen da mitmachen dürfen? Was soll das?

Ich bin mit der Kritik an beiden Kampagnen einverstanden – bei dem Heimatministerium mehr, bei den Geldscheinen weniger. Aber im Kern bin ich doch einverstanden: Weiße Feministinnen kämpfen dafür, dass eine weiße privilegierte Frau auf einem Geldschein zu sehen ist, während andere Frauen von Bildung, Arbeit, Karriere, Teilhabe an der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Weiße Feministinnen kämpfen dafür, dass auch Frauen andere Menschen abschieben dürfen. Hier wird offen demonstriert, dass weißer Feminismus stattfindet innerhalb einer Gesellschaft, die auf der Unterdrückung Anderer basiert, und dass weiße Frauen und weiße Männer gleichberechtigt werden können, nicht nur, ohne andere Frauen zu befreien, sondern sogar, um andere Frauen zu unterdrücken.

Wie gesagt, ich neige selbst zu weißem Feminismus. Ein Teil von mir hat Mitgefühl mit dieser einfachen, plumpen Idee, dass Frauen repräsentiert werden sollen (als würde das ausreichen, als sei dann alles gut). Frauen sollen repräsentiert sein – in Seifenopern, in der Volksbühne, im Parlament, auf Geldscheinen. Das ist schon richtig, aber das ist nicht genug!

Und ich mache mir Sorgen, dass es weißen Männern ausgerechnet jetzt leicht fällt, die Ideen von intersektionalem Feminismus ernst zu nehmen, nur um sie auszubeuten, um mit ihrer Hilfe die Idee der Frauen-Repräsentation grundsätzlich ins Lächerliche zu ziehen. Weiße Cis-Männer machen es sich einfach zu leicht, wenn sie ausgerechnet die Intersektionalität als Ausrede dafür nutzen, um feministische Ideale abzulehnen. Aus (echter oder vorgeblicher) Solidarität mit WoC zu sagen, dass Jane Austen auf die Geldscheine zu kriegen unwichtig sei, ohne zu erkennen, dass man keine Ahnung hat, wie es sich anfühlt, sein Geschlecht nicht auf den Geldscheinen zu sehen, ist faul.

Feminismus für alle

Ja, der intersektionale Feminismus. Denn das ist es, was WoC Twittererinnen mir beigebracht haben. Man muss den Feminismus nicht ablehnen, man kann einen Feminismus machen, der für die Rechte aller Frauen kämpft: Denn Frauen sind von ganz verschiedenen Formen der Unterdrückung betroffen, die man ernst nehmen muss, um diesen Frauen gerecht zu werden. Es gibt eine Intersektion der Unterdrückungsformen und man kann nicht für Befreiung oder Gleichberechtigung kämpfen, wenn man andere Formen der Unterdrückung ignoriert. Beziehungsweise: Man kann das machen, aber dadurch werden nicht alle Frauen befreit. Flavia Dzodan hat es in ihrem Essay „my feminism will be intersectional or it will be bullshit“ ganz genau erklärt.

Außerdem finde ich, dass weiße Feministinnen das Bekenntnis zur Intersektionalität nicht als Freibrief nutzen sollen, um nicht mehr über ihre weißen Privilegien nachzudenken. Ich bin der Meinung, dass weiße Feministinnen sich nicht einfach (z.B. in ihrer Twitter Bio) “intersectional feminist” nennen sollen, nur um dann aufzuhören, über die eigenen Privilegien nachzudenken. Die Bezeichnung “intersectional feminist” ist kein Ehrenzeichen, sie funktioniert nicht wie ein Seepferdchen oder Doctor Whos zauberhafte Ausweispapiere. Wenn weiße Feministinnen sich intersectional feminist nennen, ohne sich selbst beständig zu hinterfragen, inwiefern sie privilegiert sind, ohne sich zu bemühen, diese blinden Flecken mitzudenken, dann haben sie das Konzept nicht verstanden. Genau wie Cis-Männer, die sich Feminist nennen (statt die viel respektvollere Selbstbezeichnung Ally bzw. Verbündeter zu nutzen), hat diese Bezeichnung weniger mit Solidarität zu tun als mit Selbstdarstellung.

Und ich weiß, wie weh es tut, die eigene Privilegien als solche anzuerkennen. Es ist unangenehm und kompliziert. Aber da müssen wir durch.

 

Verweis
Flavia Dzodan, 2011, My feminism will be intersectional or it will be bullshit


von Jacinta

 Jacinta ist Bloggerin und Autorin. Sie liest regelmäßig bei den Surfpoeten. Sie hat ständig 1000 Ideen im Kopf. Und sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag!