Ich geh’ ihn boxen

Eine Freundin erzählt von einem übergriffigen Typen auf einer Party. Erste Reaktion: „Wo ist der Typ? Ich geh ihn boxen!“ In diesem Artikel geht es um männliche Gewalt als Mittel gegen männliche Gewalt. Um „feministische“ cis-Männer und ihre Beschützungsfantasien. Und um cis-männliche Selbstreflexion.


Dieser Artikel thematisiert Männlichkeiten, sexualisierter Gewalt, NoMeansNo, Male Entitlement, Rape Culture.


Dieser Text wäre ohne all die zahlreichen Gedanken von und Gespräche mit Freund*innen, die mich auf all dies aufmerksam gemacht haben, nicht entstanden. Danke für die Geduld, euer Zuhören und das Vertrauen, das ihr mir entgegengebracht habt. Und dafür, dass ihr mir ermöglicht habt, aus meinen Fehlern zu lernen.

Auf einer Party hat ein Typ eine Freundin von mir beschimpft. Als die mir das erzählt hat, war meine erste Reaktion: „Wo ist er? Ich geh’ ihn boxen!“ Ich habe, nachdem ich den Satz ausgesprochen habe, direkt gemerkt, dass das keine angemessene Reaktion war. Mit der Freundin hat sich dann an dem Abend ein Gespräch über männliche Beschützer“instinkte“ ergeben. Dieses kleine Ereignis soll hier als Aufhänger dienen – für meine Gedanken zum Thema männliche Gewalt und vermeintlich „feministische“ Beschützungsinstinkte.

(Für viele der hier Mitlesenden wird das Folgende vermutlich nichts Neues sein. Ich wünsche mir, dass dieser Text insbesondere Mit-Cis-Männer¹ dazu anregen kann, über die eigenen Reaktionen, Gefühle und Gedanken in solchen Situationen nachzudenken…)

Männer als Beschützer

Uns fiel in diesem Gespräch auf, dass Gegengewalt eine häufige Reaktion ist – viele Cis-Männer wollen direkt erstmal in die Konfrontation gehen. Sie wollen beschützen. Insbesondere wollen sie die Personen beschützen, die es vermeintlich nötig haben. Cis-Männer sagen zu anderen Cis-Männern Dinge wie: „Wenn du übergriffig wirst, haue ich dich.“ Selbst solche, die sich offen als Feministen bezeichnen. Ich kenne das von mir selbst. Die oben beschriebene Situation war nicht die erste, in der ich das Bedürfnis verspürt habe, andere Typen anzugehen die sich Freund*innen von mir gegenüber unangemessen und übergriffig verhalten haben.

Diese Beschützerrolle wird Männern im Patriarchat (heteronormativ) zugewiesen. Eine wichtige Rolle hat dabei u.a. die stereotype Darstellung von Männern in den Medien. In den allermeisten Geschichten, Filmen, Büchern etc. gibt es irgendwelche Männer, die heroische Taten vollbringen und ach so hilflose Frauen retten. Von klein auf lernen Jungs, dass sie sich und Andere beschützen müssen. Und wenn sie das nicht können oder wollen, werden Jungs oft als „Weicheier“ oder „Schwächlinge“ beschimpft.² Sie werden damit als „nicht männlich genug!“ abgestempelt. Um ihre Männlichkeit zurückzugewinnen, versuchen Viele sich dann doch in dieser Beschützerrolle. Meistens involviert dieses Beschützen irgendeine Form von Gewalt, zum Beispiel spielen sie den Retter, der Anderen im Club oder in der Bar Gewalt androht, damit sie sich von („seinen“) Frauen fernhalten. Der Beschützer, der gerne auch mal Gewalt anwendet, entspricht einem bestimmten Männlichkeitsbild.

Manche Männer wollen oder können diesem Bild gar nicht entsprechen. Sie werden allerdings von gesellschaftlichen Erwartungen an ihre Männlichkeit unter Druck gesetzt. Gleichzeitig können sich Viele Frauen, Lesben, Schwule, Queers, Inter und Trans immer noch nicht als Beschützer*innen vorstellen, weil sie ja sowieso nicht männlich (genug) seien.

Selber entscheiden wollen

Als die Person Harvey Weinstein in den Medien schon nicht mehr so groß Thema war, habe ich in einer Zeitung einen kurzen Artikel darüber gelesen, dass Harvey Weinstein in einem Restaurant von einem anderen Mann ins Gesicht geschlagen wurde. Dabei soll er sinngemäß gerufen haben: „Du bist ein Stück Scheiße, nach dem, was du diesen Frauen angetan hast!“

Während ich das gelesen habe, kam mir ein weiteres Beispiel in den Sinn: In „Endlich wird wieder getreten“ von Waving the Guns heißt es: „Du solltest begreifen, dass wir, wenn du die Grenzen einer Ollen überschreitest, dich zu neunzigst überfallen und so lange beulen, bis du Brei bist, deinen Bollerwagen verheizen und dich von drei Seiten highkicken.“

Viele Männer haben also gelernt, dass es besonders männlich ist, wenn sie Andere beschützen. Und dass ein „richtiger Mann“ weiß, wie das geht. Das führt dazu, dass Cis-Männer in vielen Situationen alleine entscheiden, was zu tun ist.

Auf der Party empfahl mir meine Freundin: „Frag nach, was die betroffene Person sich überhaupt wünscht oder braucht!“

Eigentlich weiß ich das. Trotzdem konnte ich dieses Wissen in der Situation nicht praktisch abrufen. Obwohl ich doch eigentlich dachte, ich hätte mich mit der Betroffenenperspektive ernsthaft genug auseinandergesetzt. Während es für mich mittlerweile selbstverständlich ist, dass bei sexualisierter Gewalt einzig und allein Betroffene bestimmen können was das Richtige ist, habe ich es nicht hinbekommen, das auf eine andere Situation zu übertragen. „Transferleistung gleich null“ wäre im Matheunterricht die Antwort darauf gewesen.
Also mache ich mir immer wieder klar: Ich muss nachfragen, rausfinden, was die andere Person braucht und Support anbieten. Allerdings gilt auch hier wieder: anbieten und ansonsten Zurückhaltung bewahren. Es kann auch nicht die Lösung sein, dass Mann³ wiederholt darauf hinweist, wie bereit Mann doch sei, jetzt aber zu helfen – als würde das Gegenüber sonst vergessen, dass Mann es eben angeboten hat. Dadurch wird nur wieder die eigene Hilfsbereitschaft in den Vordergrund gerückt, und es geht nicht mehr hauptsächlich darum, was Betroffene wollen.

Männliche Überforderung

Einige Wochen nach dieser Party war ich mit Freund*innen unterwegs. Als ein Typ in einer Bar eine Freundin angetanzt hat, hatte sie einen leicht gequälten Gesichtsausdruck. Ich habe in dieser Situation geguckt und nichts getan, weil sie nicht auf meinen Blick reagierte. Als sie dann doch rübergeguckt hat, habe ich nonverbal versucht, abzuchecken, ob sie irgendetwas braucht. Sie zeigte mir an, dass alles in Ordnung sei und winkte ab. Danach tanzte sie mit dem Typen weiter, bis er sich irgendwann (nicht ohne den Versuch, sie zu küssen) entfernte. Zwei Tage später erzählte sie von der Situation im Kreis mit weiteren Freund*innen. Sie sagte, dass sie sich unwohl gefühlt habe. Gleichzeitig habe sie aber keine „Szene machen“ wollen.

In der Situation kamen mir zuerst Gedanken wie „Hätte ich doch mal was gemacht, das wäre besser für sie gewesen“ oder „Sie hat selbst nicht erkannt, was in dem Moment gut für sie war.“ Je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass mein eigentliches Problem die eigene Hilf- und Machtlosigkeit war. „Helfen“ zu wollen, aber nicht helfen zu „können“ oder „dürfen“. Weil mein Eingreifen am Ende ja doch nur meine Vorstellung dessen, was helfen würde, in den Vordergrund rücken würde. Ich glaube, dass das ein Männlichkeitsproblem ist – nicht damit umgehen zu können, dass Mann nicht weiß, was Mann in solchen Situationen machen soll. Aber Vorsicht: Es geht mir hier nicht darum, Männer zu bemitleiden. Sondern es geht mir darum, dass wir uns der eigenen Hilflosigkeit bewusst werden. Damit sie endlich lernen können, damit umzugehen.

Was mir  geholfen hat (und noch immer hilft) – mich zu fragen: Warum bin ich unsicher? Warum fühle ich mich hilflos? Warum stelle ich den Umgang mit einer Situation, den ich richtig finde, über den Umgang, den andere Leute für sich wählen? Wieso kann ich schlecht damit umgehen, dass etwas nicht so läuft, wie ich es mir vorstelle? Und was folgt für mich daraus? Wie handle ich in Zukunft?

Wie kann antisexistische Solidarität von Cis-Männern aussehen? Insbesondere die Frage, wie ich in Zukunft auf solche Situationen reagieren will, lässt sich nicht nur durch eigenes Nachdenken beantworten. Im Gegenteil: Ich muss Freund*innen, Kolleg*innen und Genoss*innen zuhören und von ihnen lernen, und in Momenten, wo es passt, die Frage stellen: „Welche Form der solidarischen Unterstützung wünschst und erwartest du dir von mir (uns, Cis-Männern) in welcher Situation?“ Diese Frage ist für viele Personen gar nicht immer so leicht zu beantworten. Und egal wie sie ausfällt: Die Antwort heißt es zu akzeptieren.

Ich bin überzeugt, dass eigenmächtig ausgeübte Gewalt von Männern als Reaktion auf männliche Gewalt am Ende des Tages nicht dazu führt, dass sich irgendetwas an der Gesamtsituation ändert. Der Impuls, andere übergriffige Männer (übergriffig) zu bestrafen und somit zum paternalistischen Beschützer zu werden, ist schließlich kein individuelles Phänomen, sondern bloß ein Ausdruck männlicher Herrschaft. Ändern tut sich daran erst was, wenn Männer (= ich, wir) verstehen und verinnerlichen, dass sie keinen Anspruch auf Deutungshoheit haben. Wenn Männer (= ich, wir) die Perspektiven von anderen Personen in den Fokus rücken. Und wenn Männer (= ich, wir) es hinbekommen, diese Perspektiven auch praktisch ernst zu nehmen – und nicht nur, wenn es in der Diskussion im linken, feministischen Freund*innenkreis gerade gut passt, um das eigene Image aufzubessern.

 

¹Ich bin auch einer von denen. cis (lateinisch: ,diesseits‘) heißt, dass das Geschlecht, was dir bei Geburt zugeteilt wird, und dein soziales, selbstbestimmtes Geschlecht übereinstimmen (im Gegensatz zu trans).

²Oder als „Mädchen“, wodurch sie also einerseits als weiblich (gemeint ist damit: schwach) bezeichnet werden, und andererseits Weiblichkeit als solche abgewertet und als schlechter als Männlichkeit dargestellt wird.

³Ich benutze Mann hier zum einen als Stilmittel, zum anderen aber auch, weil ich verdeutlichen will, dass es ein bestimmtes Männlichkeitsbild gibt, das ausschlaggebend hinter einem solchen Verhalten steht.

 

Verweis

Einige Gedanken habeich aus diesem Buch: re.ACTion: Antisexismus_reloaded. Zum Umgang mit sexualisierter Gewalt. Ein Handbuch für die antisexistische Praxis. 3. Auflage, Münster 2015.


von yaş

yaş ist immer noch im Ausland, um in einem weniger weißen Umfeld irgendwas mit Recht und Geschlecht zu studieren. Er beschäftigt sich in und neben seinem Studium unter anderem mit (Alltags-)Rassismus, Zuhause-Sein und Männlichkeiten. Manchmal guckt er auch einfach stundenlang Serien und Filme.