Eine Frage der Gewalt

„Ach, das hätte ich ja nicht gedacht!“ ist die häufigste Reaktion, wenn ich erzähle, dass ich kickboxe. Der Grund der Verwirrung: Ich bin eine Frau. Aggressivität und Weiblichkeit – das passt für viele Leute nicht zusammen. Aber: Warum eigentlich nicht?!


Dieser Artikel thematisiert (sexualisierte und häusliche) Gewalt, Kampfsport und Empowerment.


KAWUUM! – Aua. Der hat gesessen. Ohne dass ich es verhindern kann, schießen mir Tränen in die Augen. Ich versuche mir, etwas umständlich, mit dem Boxhandschuh die Nase zu reiben und rümpfe sie einmal nach rechts und einmal nach links. Sie läuft jetzt, scheint aber sonst okay zu sein. Ich atme tief ein und noch tiefer wieder aus, sammele mich kurz. Meine Partnerin hat für ein paar Momente innegehalten und schaut mich fragend an. Ich grinse, nicke ihr zu, konzentriere mich eine Sekunde lang und gehe umso bestimmter wieder auf sie los. Zeit zum Kontern!

Ich bin eine Frau und ich kickboxe seit ungefähr drei Jahren. Seitdem hat sich meine Lebensqualität entschieden verbessert. Ich werde auf der Straße oder in Clubs seltener dumm angegraben. Vielleicht ist mein Selbstbewusstsein für Idioten nicht so sexy wie Unsicherheit. Vielleicht haben sie aber auch ein Bauchgefühl dafür, dass es keine gute Idee wäre, mir zu nahe zu kommen. Ich weiß es nicht. Doch ich merke, dass sich etwas verändert hat, seitdem ich begriffen habe, dass das, womit ich aufgewachsen bin, gar nicht stimmt: Ja, ich bin eine Frau. Aber nein, ich bin nicht schwach und ich bin nicht zerbrechlich. Wenn ich will, kann ich jemandem weh tun, ich muss nur lernen, wie das geht.

Wer sagt, dass Gewalt keine Lösung sei, macht sich die Welt zu einfach. Unsere Gesellschaft ist voll von Gewalt. Die Dimensionen der Gewalt sind dabei natürlich wesentlich komplexer, als ein einfaches „Ich hau dir auf’s Maul!“. Gewalt ist direkt und indirekt, sie ist abstrakt und konkret, vor allem aber ist sie immer da. Jemandem die Fresse zu polieren, weil er mich ungefragt begrabscht hat, ist Gewalt. Mich ungefragt zu begrabschen ist Gewalt. Selbst wenn ich abends gar nicht erst in den Club gehe, weil ich Angst davor habe, dass mich jemand begrabschen könnte, hat das was mit Gewalt zu tun. Gewalt äußert sich nicht nur in konkreten Tätigkeiten. Sie spiegelt sich auch in Sprache wieder, in Gesetzen und Normen, in Institutionen und Systemen und sie drückt sich in Angst, Zwang, Wut, Hilflosigkeit und Verzweiflung aus¹.

Gewalt ist häufig ungerecht, aber niemals sinnlos. Sie erfüllt eine gesellschaftliche Funktion und aus genau diesem Grund ist sie so allgegenwärtig. Wir können uns ihr nicht entziehen. Aber wir können versuchen, einen Umgang mit ihr zu finden. Die Möglichkeit der Gegengewalt bedeutet dabei nicht nur und nicht immer eine Verschlimmerung der Situation. Vielleicht ist Gewalt, auch Gegengewalt, langfristig gesehen keine Lösung. Kurzfristig bedeutet sie aber vor allem eins: Handlungsspielraum statt Ohnmacht. Eine Veränderung der Situation. Ich kann nicht allen grabschenden Menschen auf die Nase hauen. Meine Boxkünste können auch nichts daran ändern, dass es Sexismus gibt. Dafür braucht es mehr. Und trotzdem: Wenn mich jemand begrabscht und ich mache ihn dafür fertig, geht an diesem Abend der grabschende Typ mit schlechter Laune nach Hause – und nicht ich. Das ist eine Menge wert.

Obwohl Gewalt eine Lösung sein kann, ist das gesellschaftlich vorherrschende Bild davon, wer dazu in der Lage ist, gewaltbereit zu sein, von geschlechtlichen Stereotypen geprägt. Platt ausgedrückt könnte es sich wie folgt beschreiben lassen:
Männer können gewalttätig sein. Manchmal ist das gruselig und gefährlich, manchmal ist das voll geil, weil total männlich und so. Frauen hingegen können keine wirkliche Gewalt ausüben. Sie verteilen vielleicht eine Ohrfeige oder kippen ein Glas Sekt über den fremdgehenden Ehemann, aber dann ist das eigentlich keine Gewalt, sondern irgendwie so eine witzige Mischung aus taff und niedlich.
Das stimmt natürlich nicht. Auch Frauen können brutal sein und auch Männer können Opfer von Gewalt werden. Und trotzdem scheinen die Rollen klar verteilt: Männer sind die Täter, und Frauen die Opfer. Wenn das anders ist, ist das irgendwie nicht normal (Dann sind das voll die Mannsweiber oder Weicheier oder so).

Glaubt mir, ich habe das ausprobiert. Nein, ich ziehe nachts nicht prügelnd um die Häuser. Ich gehe einfach nur kickboxen oder wehre mich, wenn jemand meine Grenzen nicht akzeptiert. Trotzdem: Auch wenn ich selber das Gefühl habe, mittlerweile gewalttätig sein zu können, bin ich in den Augen der meisten Menschen ein totales Opfer. Wenn ich Leute kennenlerne und sage, dass ich Kickboxen mache, kommt nicht selten erst mal: „Ach was, wirklich? Das hätte ich jetzt nicht gedacht!“ (Wann hättest du das denn gedacht? Wenn ich vielleicht einfach nicht so ‘weiblich’ aussehen würde? Und als zweites dann: „Aber gegen Männer trainierst du nicht, oder?“. Nein, zumindest nicht regelmäßig. Ich trainiere in einem reinen FLTI*-Verein und finde das gut so. Ich hab nämlich keine Lust darauf, mich ständig als Frau beweisen zu müssen oder wie ein rohes Ei behandelt zu werden². Und trotzdem schwingt für mich in dieser Frage immer auch mit: „Also ihr macht so niedlich Kampfsport unter euch, oder? So richtig hart kämpfen, so gegen richtige Männer, das kannst du dann doch nicht, oder?“. Als ob Kampfsport nicht mit Technik, Konzentration und Mut zu tun hätte, sondern ausschließlich damit, ob jemand ein paar – übrigens sehr sensible – Eier im Schritt baumeln hat! Und als ob Männlichsein und Weiblichsein überhaupt trennbare Kategorien wären, die mit klaren Merkmalen (wie Stärke, oder eben Eier haben) einhergehen! Was für ein Blödsinn.

Doch das Bild des weiblichen Gewaltopfers und des männlichen Gewalttäters zieht sich durch den gesamten Alltag hindurch. Seitdem ich Kampfsport mache, habe ich immer mal wieder Blutergüsse, vor allem auf den Schienbeinen, manchmal auch im Gesicht. Das passiert, das ist okay und gehört dazu. Ein Bekannter von mir macht ebenfalls Kampfsport und hatte nach einem Kampf mal ein Veilchen und eine Platzwunde über der Stirn. „Die Leute in der Bahn schauen mich an, als wäre ich voll brutal. Das ist irgendwie komisch“, beschwerte er sich bei mir. Mich hingegen hat in der Bahn noch nie jemand angeschaut, als sei ich brutal. Stattdessen werden mir besorgte Blicke zugeworfen und wildfremde Menschen fragen mich entsetzt, was denn mit mir passiert sei. Oder zwinkern mir auf gönnerhafte Altmännerart zu und machen Witze darüber, dass ich mir „vielleicht mal einen neuen Freund suchen sollte!?“ – Haha, häusliche Gewalt, superwitzig …nicht. Auch wenn sich mein Selbstbild und das Bild meiner Freund*innen von mir verändert haben, so bin ich in den Augen der meisten Menschen eben doch …nur eine Frau. Und Frauen schlagen sich nun mal nicht. Frauen sind schwach und hilflos und warten darauf, dass ein starker Mann sie vor den anderen starken Männern beschützt. Oder sie fangen an zu weinen³.

Kampfsport revolutioniert nicht die Geschlechterverhältnisse. Dafür braucht es mehr als einen Wendokurs⁴. Ungerechte Verhältnisse sind niemals die Schuld der von ihnen Betroffenen, also kann es auch nicht die Lösung sein, dass allein sie ihr Verhalten ändern sollen. Du kannst eine genauso krasse Frau sein, wenn du nicht weißt, wie du jemandem die Nase brichst. Oder wenn du dich lieber beschützen lässt, als selber auf Konfrontationskurs zu gehen.

Ich kann nur von mir selber erzählen und davon, wie gut es für mich war, mit dem Kickboxen anzufangen. Ich habe das Selbstbewusstsein bekommen, meine Wut rauszulassen. Anstatt mich verzweifelt und hilflos zu fühlen, habe ich eben das erste Mal in meinem Leben den grabschenden Typen im Club einfach an die Wand gedrückt und ihm gesagt, dass er sich mal besser ganz schnell verpissen soll. Das war aufregend, ein bisschen beängstigend, aber auch richtig geil. Und er hat tatsächlich die Party verlassen.

In einer Gesellschaft, die so voll von (sexualisierter) Gewalt ist, empfinde ich es als sehr ermächtigend, Gegengewalt als Option zu haben. Ich habe verstanden, dass ich mir vor lauter Verzweiflung über die Ungerechtigkeit der Dinge nicht selber den Kopf einschlagen muss sondern dass ich zur Not auch einfach mal den Kopf von der Person einschlagen kann, die gerade ungerecht ist. Dieser Text ist kein Aufruf zur Gewalt. Gewalt ist scheiße und wir alle sollten uns Gedanken darüber machen, wie wir eine gewaltfreie Welt hinbekommen. Dieser Text ist ein Aufruf zur Handlungsfähigkeit. Und Handlungsfähigkeit schließt natürlich Gegenwehr und Prävention mit ein – auch gegen Erfahrungen, die häufig mit einem relativierenden „Das ist doch nicht so schlimm“ oder als „Stell dich mal nicht so an!“ abgetan werden.

Die Gewalt, die ich in meinem Leben erfahren habe, war vor allem sexualisierte Gewalt. Ich setze mich für eine Welt ein, in der es sowas nicht mehr gibt. Bis es soweit ist, möchte ich meine Verteidigung selber in die Hand nehmen. Ich will keinen Mann, der mich beschützt. Das ist nicht nur viel unabhängiger und freier, es macht auch einfach viel mehr Spaß.

Deswegen möchte ich diesen Text mit einer Bitte an all die übermotivierten Typen enden, die in ihrem antisexistischen Engagement bei jedem Vorfall sofort das Zepter an sich reißen: Lasst das! Ich will das selber ausprobieren. Seid da, seid zur Stelle, aber greift erst dann ein, wenn ich es alleine nicht schaffe. Das ist sonst nicht emanzipatorisch, sondern völlig kontraproduktiv, denn ihr vermittelt mir dann zum unzähligsten Mal das Bild der schwachen Frau, die alleine zu nichts in der Lage ist. Ich möchte mir meine Kämpfe selber aussuchen und ich kann für mich einstehen. Wenn mir meine bisherige Erfahrung mit dem Boxen etwas beigebracht hat, dann ist es doch genau das: Mir schmerzt lieber die Hand als die Seele. Fünf Finger sind ‘ne Faust. Und damit kann auch ich eine Menge anstellen! In diesem Sinne: Join your local girl gang! It‘s fun.

 

 

 

¹ siehe zum Beispiel den Wikipedia-Eintrag zu struktureller Gewalt.

² Das wäre vielleicht anders, wenn Vereine wirklich gemischtgeschlechtlich wären. Das ist aber nicht der Fall. Boxsportarten sind Männerdomänen. Frauen können in den meisten Vereinen mittrainieren, sind aber völlig unterrepräsentiert. Um Frauen trotzdem die Möglichkeit zu geben, kämpfen zu lernen und sich ohne männliche Bewertung auszuprobieren, haben sich deswegen vor allem in den 80er Jahren reine FLTI*-Vereine gebildet, die sich auch heute großer Beliebtheit erfreuen. Bei Olympia dürfen Frauen trotzdem erst seit 2012 mitboxen. Und dann sollten sie auch noch dazu verdonnert werden, beim Kämpfen Röcke zu tragen – damit sich das überhaupt jemand ansehen will.

³ Die gesellschaftlich existierenden Bilder von Frauen als Opfern sind nicht einheitlich. Sie unterscheiden sich anhand diverser Merkmale, wie z.B. race, Klasse,  oder (Nicht-)Behinderung. Ich beziehe mich hier auf das Bild, dass Menschen von mir als weiße Frau haben. Das ist natürlich nicht universal. Wie unterschiedlich Perspektiven sein können, zeigt z.B. Awesomely Luwie, wenn sie erklärt, wie überfürsorglich der, zuweilen manipulative, Schmerz von weißen Frauen ernst genommen wird – und wie sehr z.B. Women of Color genau dahinter zurückstehen müssen.

⁴ Trotzdem sollte es mehr Wendokurse geben! Siehe z.B. Mithu M. Sanyals Beitrag für feministische Selbsverteidigungskurse an Schulen.


von Marie Albrecht

Marie studiert, und lohnarbeitet mit einem großen Haufen pubertierender Kinder zusammen. Wenn es ihr gut geht, pöbelt sie gerne liebevoll ihr Umfeld an und weint vor lauter Rührung selbst bei den oberflächlichsten Serien. Heimliches Hobby: Beim Manspreading in der U-Bahn zurückdrücken und sich darüber freuen, wenn das irritiert.