Privatsphäre-Einstellung: Neue Statusmeldungen aus der Einsamkeit

Nerven dich Babyfotos auf Facebook? Ich gehöre zu diesen schrecklich peinlichen Frauen, die das ständig machen. Hier ein Foto mit Brei im Gesicht, dort ein Video, schaut, wie niedlich es krabbelt! Ich frage mich, warum dieses Posting-Verhalten so viele Menschen abstößt. Ich wünschte, wir könnten differenzierter über die Privatsphäre von Müttern und Babys sprechen.


Der Artikel thematisiert Schwangerschaft, Geburt, Muttersein, Isolation, Einsamkeit und Social Media.


Ich bin Jacinta Nandi, 38 Jahre alt. Vor zehn Monaten bin ich zum zweiten Mal Mutter geworden. Seitdem poste ich oft Babyfotos auf Facebook. Ich habe 1600 Facebook-Freunde, und zusätzlich 467 Facebook-Follower. Diese 2067 Menschen können, wenn sie wollen, meinem Baby beim Sabbern und Frühstücken und Krabbeln und Schlafverweigern zuschauen. Warum mache ich das? Manche denken, dass Mütter das tun, weil sie eine perfekte Scheinwelt vortäuschen wollen. Andere sagen, dass wir einfach Aufmerksamkeit brauchen. Dass wir unsere Kinder dafür benutzen. Das könnte schon sein. Aber die Frage ist: Warum brauchen wir diese Aufmerksamkeit? Ich glaube, wir wollen eine Verbindung zur Gesellschaft spüren, wir wollen wieder ein Teil der Gemeinschaft sein – zu einem Zeitpunkt, wo wir mitunter sehr isoliert und überfordert sind.

Mein ältester Sohn ist 2004 geboren. Eigentlich nicht so lange her. Und doch eine völlig andere Zeit. Wir hatten damals keinen Internetzugang zu Hause – Facebook gab es noch nicht – und erst, als das Baby zwei Wochen alt war, trödelten wir als kleine Familie zum Internetcafé, um Bilder nach Großbritannien und Süddeutschland zu schicken. Damals wie jetzt hatte ich keine Verwandten in der Nähe. Manchmal versuche ich aus reiner Neugier, zu rekonstruieren, wie das genau gelaufen ist. Wir müssen eine digitale Kamera besessen haben – aber wie transportierten wir die Fotos von der Speicherkarte ins Internet? Ich kann mich daran nicht mehr erinnern. So lange ist das doch schon her.

Schaut mal, das Baby ist da!

Diesmal, zur Geburt des zweiten Kindes, drängte ich meinen Freund, gleich im Geburtssaal das erste Foto zu machen. Und es sofort danach auf meiner Facebook-Seite zu veröffentlichen. Das Baby war gerade 20 Minuten alt, vielleicht waren es auch erst 17. Das Foto ist wunderschön, man sieht meine Brustwarzen nicht, ich sehe aus wie eine neue Mama aussehen sollte: gelb und erschöpft – und das Baby ist ganz faltig und perfekt und logisch: das beste Baby der Welt, jedenfalls für mich in diesem Moment. Es gibt eine Art albernen Stolz, ein ganz beglückendes Triumphgefühl, wenn man ein Baby produziert hat. Guckt mal! Guckt, was ich gemacht habe! Jetzt habe ich alles gutgemacht – vergesst die Monate im Frauenhaus, die Jahre im Elend! Die ganzen Trennungen! All die Erniedrigungen und Niederlagen, die ich erlebt habe, sind jetzt zu irrelevanten Details geworden, denn: Ich habe einen Menschen produziert, nur mit meinem Körper und ein bisschen Sperma. Ha! Jetzt würde jeder Mann, der mich je gefickt hat, um nachher nie wieder anzurufen, endlich kapieren, dass ich doch die Art Frau bin, bei der man gerne bleiben will. Ha!

Es ist wahrscheinlich peinlich, Babyfotos bei Facebook zu posten. Und noch peinlicher, das zu tun, weil man etwas beweisen möchte. Aber wenn ich zurückdenke an die Zeit ohne Internet, glaube ich ehrlich gesagt nicht, dass die ganze Sache weniger peinlich war. Ich habe mich beim Gebären trotzdem vollgekackt und die Hebamme musste die Kacke wegwischen. Es kriegte nur sonst niemand mit.

Immer zu zweit allein

Mein Leben als junge Mama war einsam. Einsam und langweilig. Ich finde Isolation viel schlimmer als Peinlichkeit. 2004 und 2005 waren ohne Frage die langweiligsten, die einsamsten Jahren meines Lebens. Immer nur ich und das Baby. Eine Frau und ein Kind: immer allein zusammen – immer zusammen, aber immer allein. In einem Zimmer, in einer Wohnung, auf einem Spielplatz. Oft war das einzige Erwachsenengespräch des Tages dieser Moment im Bus oder in der Bahn, wo irgendein genervter Mensch sagt: „Könnten Sie bitte versuchen, Ihr Kind zur Ruhe zu bringen?”

Ständig mit einem Menschen zusammen zu sein – der nicht sprechen kann, der sich nicht bewegen kann. Du musst für zwei sprechen, manchmal vergisst du es. Der Mensch liegt immer bloß da, wie ein Bündel Fleisch. Niemand ruft dich an. Niemand hat mich angerufen. Nicht mal die Hebamme. Ich erinnere mich an meine eigene Kindheit. Nachdem ein Geschwisterkind von mir geboren war, und meine Mama weinte: „Ich habe keine Freundinnen!” Und als ich sie fragte „Aber was ist mit der Hebamme?”, da weinte sie noch lauter und ich verstand nicht warum. Erst 2004 habe ich das begriffen. Niemand ruft dich an. Die Stunden vergehen langsam, die Tage fließen ineinander.

Wenn man tatsächlich allein ist (also ohne Baby), dann ist diese Einsamkeit zwar ebenso beklemmend, aber sie kann zugleich befreiend sein. Die Einsamkeit der Babymütter ist dadurch so schlimm, weil diese Einsamkeit niemanden befreien kann. Sie befreit nicht, sie sperrt ein. Sie ist eine Art Isolationshaft. „Die Decke fällt mir auf den Kopf!”, sagen sie.

Die Wohnung wird zum Gefängnis, dein Gehirn zur Gefängniszelle. Dir droht der Kopf zu zerplatzen aber dein Schädel explodiert nicht. Er implodiert. Manchmal lächelt dich das Baby an, und du lächelst zurück. Du spürst ein Gefühl – das ist Glück. O ja, das ist Glück! Aber plötzlich bemerkst du, dass du nicht mehr weißt, wie du dich vorher gefühlt hast. Warst du unglücklich? Oder nur taub? Du schwimmst taub durch den Tag. Das muss es sein. Weil der Mensch, mit dem du dich beschäftigst, nicht mit dir reden kann.

Dabei ist es ein wundervolles Baby! Dabei ist es ein ziemlich okayes Leben. Es könnte ja noch viel schwerer sein. Es gibt Babys, die weniger pflegeleicht sind, die krank werden, oder die nie aufhören zu schreien. Es gibt Männer, die schlagen. Vermieter, die plötzlich Mietwohnungen wegen Eigenbedarf zurückhaben wollen. Es gibt Armut und Krebs und Depressionen und Selbstmordgedanken. Da ist die Einsamkeit noch beklemmender. Und die Isolationszelle, die jetzt dein Gehirn ist, wird noch kleiner.

Mein zweites Baby war nur 20 Minuten alt, vielleicht 17 Minuten, da verletzte ich zum ersten Mal seine Privatsphäre. Ich finde die mögliche Kritik an diesem Verhalten gerechtfertigt. Meine 1600 Facebook-Freunde und 467 Facebook-Follower waren dabei, als das Baby zum ersten Mal richtig auf dem Po gesessen hat. Als das Baby sich zum ersten Mal hochgezogen hat, an den Stäben vom Gitterbett. Sie waren dabei, als das Baby sich zum vierten Mal umgedreht hat.

Sogar wenn man außer Acht lässt, dass manche dieser Menschen pädophil sein könnten, kann und sollte man sich fragen, ob man ein Baby ausnutzen darf, um Likes zu bekommen – sprich: Aufmerksamkeit. Schließlich kann das Baby nicht zustimmen. So wie jede einigermaßen vernünftige Kritik, die Mütter hören müssen, ist aber auch diese etwas fantasielos. Sie wird der Situation nicht gerecht. Ich glaube, dass viele der Kritisierenden sich gar nicht vorstellen können, wie das Leben der Kritisierten aussieht.

Bei mir etwa so: Als Ausländerin habe ich keine Verwandten in diesem Land, nicht einen einzigen Angehörigen. Ich benutze Facebook auch deswegen, um in Verbindung mit meiner Familie zu bleiben. Bis vor zwei Wochen gab es ein Problem mit der Geburtsurkunde meines Sohnes, wir konnten nicht reisen. Meine Mutter jedoch ist körperlich so stark eingeschränkt, dass sie nicht fliegen kann. Wenn ich also die Privatsphäre meines Kindes verletzte, dann mache ich das unter anderem deshalb, damit alle meine Verwandten immer wissen, wie es mir und dem Baby geht. Damit sie zuschauen können, wie mein Baby langsam größer wird.

Könnte es nicht sein, dass die Menschen, die am lautesten nach Privatsphäre rufen, diejenigen sind, denen jede Empathie fehlt, weil sie nicht auf diese einsame Art in die Privatsphäre verbannt sind? Vielleicht wissen sie gar nicht, wie schmerzlich man es vermissen kann, intime Live-Besuche von Großcousins und Patentanten zu bekommen. Vielleicht ist ihnen auch gar nicht bewusst ist, dass es ein Privileg ist, nahe Angehörige zu haben, die nicht nur im selben Bundesland oder in der selben Stadt, sondern teilweise sogar im selben Bezirk leben?

Die meiste Kritik an Müttern, die zu viele Babyfotos bei Facebook posten, ist abstrakt – moralistisch, aber abstrakt. Man macht etwas, was heilig und rein sein sollte, schmutzig und öffentlich. Man zwingt sein Kind, in der Öffentlichkeit zu leben. Aber warum? Wegen der Likes, der Aufmerksamkeit, der Anerkennung? Es heißt, das sei unfair den Kindern gegenüber, eine Ausbeutung. Es gibt aber eine noch dringlichere Kritik. Man wirft solchen Müttern vor, dass sie ihre Kinder tatsächlich gefährden. Denn Pädophile könnten die Fotos entdecken, über die Babys masturbieren und sogar Pläne schmieden, die Kinder zu kidnappen.

Das Paradoxe ist, dass diese Sehnsucht nach einer Welt, wo Frauen nicht das Bedürfnis oder das Recht haben, ihr Leben mit Kindern in der Öffentlichkeit zu führen, eigentlich mit einer ganz altmodischen Sehnsucht zu tun hat – der Sehnsucht nach einer Zeit, wo Kinder und Ehefrauen von der Gesellschaft getrennt werden, wo die Kinder und die Ehepartnerinnen der Besitz des Ehemanns waren. Der Ehemann geht arbeiten – bleibt unter den Menschen, nimmt an der Gesellschaft teil. Die Frau aber bleibt daheim, hinter Vorhang und Gardine, sie schweigt, die Frau schweigt über ihre Probleme, aber sie schweigt auch über ihre Siege, ihr Leben. Ich glaube, wir spüren heute noch die Auswirkungen davon. So gehört es zur Etikette, dass Schwangerschaft verschwiegen werden soll – drei Monaten lang soll eine Frau niemandem erzählen, dass sie schwanger ist. Und nach der Geburt soll sie 40 Tage im Wochenbett bleiben. Die Frau soll nicht gesehen werden, die Schwangerschaft soll versteckt werden.

Privatsphäre: Schutzraum vs. Gefahrenraum

Die Wahrheit ist: Die meisten Frauen werden nicht von Fremden vergewaltigt, sondern von ihren Ehemännern. Die meisten Kinder werden nicht von Fremden missbraucht, sondern von jemandem aus ihrem direkten Umfeld. Gewalt und Missbrauch passieren zuhause, innerhalb dieser Privatsphäre, die angeblich so dringend beschützt werden soll, die Frauen und Kinder angeblich so sehr beschützt. Die Wahrheit ist: Diese heilige Privatsphäre fühlt sich manchmal wie ein Gefängnis an, weil sie manchmal ein Gefängnis ist. Ich sage nicht, dass jede Frau, die zu viele Babyfotos bei Facebook postet, von ihrem Ehemann geschlagen oder vergewaltigt wird. Aber ich glaube, dass Frauen, die als individuelle Menschen Teilnehmerinnen der Gesellschaft sind, schneller abhauen können.

Ich vermute, dass ein Teil des Ekels darüber, dass Frauen mit Kindern jetzt ihr Leben in der Öffentlichkeit präsentieren (und dadurch führen!) dürfen, aus der Ablehnung der Idee stammt, dass ein Mann seine Frau nicht mehr vergewaltigen darf, dass er nicht mehr seine Kinder schlagen soll. Wir sehen das ganz klar, immer wenn Promis sich trennen und die Details veröffentlicht werden. Das ist eklig, peinlich, übertrieben. Die Empörung und der Hass Amber Heard gegenüber, nachdem ein Foto veröffentlicht wurde, auf dem ihre Verletzungen deutlich zu sehen waren, waren deshalb so laut, weil dieses Foto das Ende der geheimen Gewalt symbolisierte. Ein Tabubruch. Etwas wird öffentlich, das niemals öffentlich werden sollte.

Den ganz normalen Alltag teilen, so wie jeder Mensch

Eine anderer Vorwurf, den postende Mütter oft hören, ist der Vorwurf der Lüge. Es wird ihnen unterstellt, dass sie einseitig posten. Dass sie nur die schönen Seiten des Lebens zeigen. Dass sie sich selbst und ihre Kinder inszenieren. Ich finde diese Kritik seltsam, ehrlich gesagt. Abgesehen von den Babyfotos (dort sind die Babys so schön oder so hässlich wie sie eben sind, welche Jungmutter hat schon Zeit für Photoshop?) ist das, was junge Mütter auf Facebook schreiben und posten, oft ziemlich gestresst oder verzweifelt. Sie stellen Fragen über Ausschlag oder Blähungen, sie klagen über Müdigkeit und Schlafmangel, sie machen Witze über Alkohol in der Stillzeit oder sind ratlos, ob sie abstillen sollen.

„Gerade mal 9 Uhr und ich bin schon seit 4 Stunden wach. Ab wann ist es sozial akzeptiert, ein Gin-Tonic zu trinken?“, fragte neulich eine Verwandte von mir als Status Update.

„Du Arme!“, schrieb eine andere Freundin darunter, „Hat die Kleine vielleicht Blähungen?“

„Geh raus mit ihr!“ empfahl ich. „Dann bist du immer noch erschöpft. Aber zumindest draußen, nicht so klaustrophobisch.”
Ich wünsche mir, dass die Leute weniger darüber lästern, wenn Mütter auf Facebook Bilder von ihren Babys posten. Wenn sie sich stattdessen ehrlich fragen, warum sie so genervt sind. Wir leben in einer kinderfeindlichen und frauenfeindlichen Gesellschaft. Wie isoliert junge Mütter wirklich sind, das ignorieren die meisten. Die Isolation wird durch Social Media nur etwas erträglicher.


von Jacinta

Jacinta ist Bloggerin und Autorin. Sie liest regelmäßig bei den Surfpoeten. Sie hat ständig 1000 Ideen im Kopf. Und sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag!