Sommer Dysphoria

Die Sommerzeit mag Xi total gerne. Wären da nur nicht diese Blicke. Sie geben Xi das Gefühl, fremd im eigenen Körper zu sein.  


Diese Artikel thematisiert Belästigung auf der Straße, sexualisierte Gewalt, Trauma, Gender Dysphoria und Rassifizierung_Sexualisierung.


Traumatisierte Menschen brauchen Schutz und Abstand vom traumatisierenden Umfeld. Einfach wegzugehen, ist aber nicht immer möglich. Wie soll man Gewalt und Diskriminierungen entgehen, wenn sie ein Teil des Alltags sind?

Es ist Sommer und ich stehe am Bahnhof. Mein Hände sind schwitzig – und obwohl es heiß ist, friere ich. Mein Herz schlägt so schnell, als würde mein Körper glauben, dass er gerade viele Kilometer gerannt sei. Das wäre vielleicht auch am vernünftigsten gewesen. Einfach wegrennen. Ich versuche, langsam und tief ein- und auszuatmen – und ich sehe die Typen direkt wieder vor mir. Wie sie mich gerade belästigt haben. Sie haben versucht, mir den Weg zu versperren. Ich fühle mich eklig in meinem Körper, den sie mit ihren Blicken vereinnahmt haben. Als würde er jetzt nicht mehr mir gehören. Als haben sie mir den Körper weggenommen – mit diesen Blicken, die ihn einfach ausziehen wollen. Sie haben mich mit diesen Blicken auf ein Objekt sexueller Machtphantasien und Exotik reduziert – ich fühle mich nicht mehr wie ich selbst. Und es fühlt sich so an, als sei mein Körper nicht mehr mein Körper.

Dieser Typ, der aussieht wie ein BWL-Studenten-Klischee, der mir zuruft „Nihao, Nihao“, und der mich, als ich nicht antworte, aufdringlich fragt „Oder bist du etwa Japanerin?“. Als müsse er damit angeben, Bescheid zu wissen, dass Nihao kein japanisches Wort ist. Ich sehe, wie seine Augen meinen Körper entlangwandern.

Seine Blicke triggern bei mir Erinnerungen an Typen, die mir Gewalt angetan haben. Zum Beispiel an den einen Typen, der mein „Nein“ ignoriert hat und mir stattdessen ins Ohr geflüstert hat, dass ich einfach zu schön sei, als dass er jetzt noch aufhören könne. Oder Erinnerungen an den Typen, der mich zuerst begrabscht und dann gefragt hat, was ich denn kosten würde, weil für bestimmte Männer anscheinend selbstverständlich ist, dass sie asiatisch markierte Frauen kaufen können. Oder Erinnerungen an den Typen, der mich nachts auf dem Heimweg verfolgt hat. Oder Erinnerungen an den Typen, der dachte, dass ich es spielerisch meine, als ich mich körperlich gegen seine Nähe gewehrt, ihn von mir weggeschubst habe. Der es anscheinend sogar als Aufforderung verstanden hat, mir erst recht nahe zu kommen. Oder Erinnerungen an all diese Typen, die mich jeden Tag auf der Straße belästigen und nicht aufhören, mir „Nihao“ hinterherzurufen und dabei obszöne Gesten zu machen.

In solchen Momenten wird mir jedes Körperteil, das von ihren Blicken ausgezogen wird, besonders bewusst. Ich weiß, dass es nicht meine Schuld ist, was mir alles passiert ist. Ich kann nichts dafür, dass ich auf der Straße belästigt werde, aber es fühlt sich trotzdem so an, als würde es an mir liegen. In solchen Momenten hasse ich meinen Körper über alles. Ich möchte am liebsten ein geschlechtsloses Wesen sein, ich will die Körperteile nicht mehr haben, die ich habe.

Solche Momente sind besonders schlimm, wenn ich gerade mein sicheres Zuhause, meine queere Bubble, verlassen habe. Einerseits habe ich diese wunderschönen Orte, wo mein wahrgenommenes Gender nur hintergründig eine Rolle spielt, und ich gesehen, angenommen und geliebt werde – als der Mensch, der ich bin, unapologetic queer und of color. Und dann wiederum bin ich draußen auf der Straße, und ich fühle mich, als sei ich kein Mensch mehr, sondern nur noch eine exotische Sexfantasie. Der Kontrast ist so krass, dass ich manchmal nicht mehr drauf klar komme. Ich fühle mich, als würde ich jeden Moment eine Panikattacke bekommen. Mir ist schlecht, ich kann mich selbst nicht mehr richtig fühlen und mein Körper ist mir fremd.

Ich liebe Sommer, aber Sommer hat für mich immer auch den bitteren Beigeschmack von Gewalt und Rape Culture.

Nie habe ich Gender-Dysphoria so schlimm wie in Momenten, wo diese Blicke mir vermitteln wollen, dass ich nichts anderes bin als eine Frau, die sexualisiert wird. Manchmal ist es so schlimm, dass ich dissoziiere – was alles noch viel schlimmer macht, weil ich mich dadurch noch verletzlicher und hilfloser fühle. Ich versuche dann krampfhaft, das letzte bisschen Kontrolle über meinen Körper zu behalten und präsent zu bleiben.

 

 

Verweise

Hilfetelefon für Betroffene von sexualisierter Gewalt: https://www.hilfetelefon.de/gewalt-gegen-frauen/sexualisierte-gewalt.html

Action: Antisexismus_reloaded. Zum Umgang mit sexualisierter Gewalt – ein Handbuch für die antisexistische Praxis.

Jaclyn Friedman & Jessica Valenti: Yes means yes! Visions of Female Sexual Power & a World without Rape.

Jaclyn Friedman: What you really really want. The smart girl’s shame-free guide to sex an safety.


von Xi

Xi ist queer, of color, Asiatische-Deutsche. Xi lebt in Frankfurt am Main, podcastet und macht aktivistische Arbeit zu den Themen Rassismuskritik, Queer-Feminismus, Postkolonialismus, Mental Health und Empowerment.