Warum wir über Fußball reden müssen

Es war ein ereignisreicher Fußballsommer! Was, interessiert Dich nicht? Wirklich nicht? Was im erweiterten Kontext des Fußballs passiert, ist gerade aus pro-feministischer und anti-rassistischer Perspektive ziemlich spannend.


Der Artikel thematisiert Fußball, Sexismus, Rassismus, Homophobie, Sport, Männerbilder, LGBT-Rechte, Russland


Taktik, Tore und Triumphe. Medial wurde im letzten Sommer natürlich mal wieder alles durch die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer überstrahlt. Das konkrete Ergebnis des größten Sportereignis des Planeten sei an dieser Stelle mal vernachlässigt, das sollen andere Menschen beurteilen. Aber was bleibt darüber hinaus im kollektiven Bewusstsein übrig — von dieser Veranstaltung, die wochenlang die Berichterstattung dominierte?

Zunächst war da die Angst vor homo- oder trans*phoben Übergriffen auf Fans, die zur WM nach Russland reisen würde. Organisationen wie „Fußballfans gegen Homophobie“ wiesen im Vorfeld immer wieder auf die Gefahr von Gewalttaten hin, während FIFA und DFB-Funktionäre sich redlich bemühten, solcherlei Sorgen zu zerstreuen. Während der Weltmeisterschaft zeigten die meisten Medien dann, wenn sie überhaupt Bilder außerhalb der Stadien sendeten, harmlose Szenen mit fröhlich jubelnden Menschen, die friedlich miteinander feiern. Also alles nur halb so schlimm? Eher nicht. Die ansonsten extrem LGBTI-feindliche, russische Gesetzgebung ist nur in wenigen Fällen zur Anwendung gekommen, da die Behörden wussten, dass sie unter besonderer Beobachtung während des Weltcups stehen und sich höchstens einen schlechten Leumund einhandeln würden. Eine Protestaktion, die während der WM über die sozialen Medien Verbreitung fand, macht aber deutlich, dass es weiterhin viel Kreativität braucht, um öffentlich Flagge zu zeigen für Menschenrechte und gegen Diskriminierung.

Nur weil es nun doch nicht so schlimm gekommen ist wie im Vorfeld befürchtet, heißt  das aber nicht, dass alles gut ist. Es ist davon auszugehen, dass viele Fans aus Angst vor Diskriminierung gar nicht erst die Reise nach Russland angetreten haben. Gleichzeitig verweigert die russische Polizei jede Auskunft über Gewalt gegen LGBTI im Zusammenhang mit dieser WM. Daher muss man sich an die Berichterstattung aus den Stadien halten, in denen die FIFA das Hoheitsrecht besitzt. Tatsächlich wurden einzelne Verbände bestraft, weil Anhänger*innen durch diskriminierendes Verhalten auffällig wurden. Interessant sind an dieser Stelle aber die Größenverhältnisse: So wurde der mexikanische Verband für homophobe Äußerungen seiner Fans im Spiel gegen Deutschland mit einer Strafe von 8.600 € belegt. Gleichzeitig bekam der Verband Englands eine Strafe von satten 60.000 € aufgebrummt, nachdem zwei seiner Spieler ganz dreist Socken eines nicht-autorisierten Ausrüsters getragen hatten. Hieran kann man gut sehen, wo die Herren der FIFA ihre Prioritäten setzen.

War noch was? Ach ja, fast schon wieder vergessen: ZDF-Reporterin Claudia Neumann kommentierte ein Männerfußballspiel. Und der Mob tobte. Immerhin stellte sich Neumanns Arbeitgeber hinter sie und zeigte sich mit ihr solidarisch. Doch die „Debatte“ um eine (!!) Kommentatorin im Jahr 2018 illustriert die ganz normale Abwesenheit von Frauen* bei diesem Fußballgroßereignis. Egal ob sogenannte Experten, Trainer oder Funktionäre — vermeintlich verantwortungsvolle Positionen werden durchweg von Männern* besetzt.

Und dann wäre da noch der rassistische Diskurs um das Verhalten von Mesut Özil und İlkay Gündoğan, die ein Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan gemacht hatten. Der Social-Media-Mob tobte, längst überholt geglaubte Debatten über nationalstaatliche Loyalität und Zugehörigkeit wurden plötzlich geführt. Nach dem frühen Ausscheiden der DFB-Mannschaft in der Vorrunde waren selbst Verantwortliche des Verbandes sich nicht zu doof dafür, in diesen Tenor einzustimmen.

Die Rolle von Mesut Özil ist ohnehin besonders, denn der war vielen Fußballfans schon lange suspekt. Zu lässig tänzelte er ihrer Ansicht nach über den Platz, zu künstlerisch (und damit unmännlich) wirkte der zierliche Spielmacher in seinem Spiel. In einem Land, in dem viele Fußball immer noch in erster Linie mit Kampf in Verbindung bringen, sorgte das für einiges Zähneknirschen. Mehr noch wird der Fußballnationalspieler — die Betonung liegt auf „national“ — als Ersatzkämpfer für die Ehre der Nation begriffen, gewissermaßen als „Soldat in kurzen Hosen“. Nach dem Foto mit Erdoğan war es daher nicht nur klar, dass die Boulevardmedien über Özil herfallen würden. Vielmehr findet durch die fortwährende Diffamierung Özils ein Ausschluss statt, der von rechten und nationalistischen Kräften schon lange herbeigesehnt wird: Es haben gefälligst weiße, starke Spieler zu sein, die Titel für Deutschland gewinnen!

Dieser Mechanismus wurde bereits in den rassistischen Äußerungen von Alexander Gauland über Jerome Boateng deutlich, als der AfD-Vorsitzende behauptete, dass die meisten Menschen den Spieler von Bayern München bestimmt nicht zum Nachbarn haben wollten. Unabhängig vom Blödsinn dieser Aussage taugt sie auch deshalb nur begrenzt zur Diskreditierung des Spielers, weil Boateng als hochgewachsener, kräftiger Verteidiger dem soldatischen Ideal von Männlichkeit viel mehr entspricht als Özil es tut. Es gibt in dieser Rassifizierung also noch eine zusätzliche Differenzlinie, die Personen anhand ihrer Männlichkeit (aus-)sortiert.

Können wir dann jetzt einfach dazu übergehen, Fußball begründet doof zu finden? So einfach sollten wir es uns nicht machen. Vielmehr sollten wir verstehen, dass Fußball gesellschaftliches Leben widerspiegelt und aber auch beeinflusst. Damit sollten wir uns auseinandersetzen. Nur so kann Veränderung herbeigeführt werden. Ein möglicher Weg zu mehr Vielfalt könnte es zum Beispiel sein, sich stärker auf marginalisierte Gruppen innerhalb des Fußballs zu konzentrieren und so Solidarität zu praktizieren. Im Sommer 2018 fand in Frankreich zum Beispiel auch eine Weltmeisterschaft der unter 20-jährigen Frauen* statt. Irgendwas davon gehört? Und wahrscheinlich liegt auch da ein Teil des Problems.

 

Verweis

Wer sich für die Ereignisse neben der Fußballplatz bei der vergangenen WM interessiert, sei der Blog der Jungle World empfohlen: https://jungle.world/blogs/jungle-wm-world

 


von Jan Duensing

Jan beschäftigt sich den überwiegenden Teil des Tages mit Fußball. Er ist aber trotzdem ganz umgänglich. Ein Blick lohnt sich auch auf seinen Blog Männekick.