Her mit dem Blutbad!

Nuri[t] lässt es bluten und plädiert für einen enttabuisierten Umgang mit der Menstruation.


Dieser Artikel thematisiert Körperlichkeit und Mestruation.


Kennst du den Denker von Rodin? Das ist dieser muskulöse Mann, der abwesend auf einem Stein sitzt, den Kopf in die Hand gestützt, verloren in Denkerpose. Manchmal stelle ich mir vor, nackt auf einem Felsen zu sitzen, meine Hand hält den Unterleib. In dieser Vorstellung bin ich tief versunken in PMS-Melancholie und befinde mich in einem hochempfindsamen und intellektuell gereizten Zustand. Dann könnte es passieren, dass ich in einen dieser Angstträume versinke. Denn manchmal träume ich während meiner prämenstruellen Phase, dass meine Liebsten sterben und ich bin schuld daran. Oder ich sei dumm und alle lachen mich aus. Dann ist da noch der Traum mit der offenen Wunde, die niemals wieder heilt. Diese Tage bringen aber auch eine schöpferische Kraft in mir zum Vorschein, ich bin dann besonders kreativ. Die eigene Menstruation als selbstbestärkende Geschichte zu erzählen, das ist immer noch neu für mich. Normal geht in unserer Gesellschaft anders.

Warum wurde die Menstruation tabuisiert?

Eine Theorie besagt, dass die Menstruation den Menschen der Steinzeit als eine übernatürliche, eine göttliche Kraft erschien, die sich im menschlichen Körper manifestierte. Die Faszination ging davon aus, dass da tagelang Blut aus bestimmten Sippenmitgliedern floss, ohne dass sie verletzt waren und starben. Mehr noch: Dieses Blut floss in einer Regelmäßigkeit, die sich der menschlichen Kontrolle entzog, die mit kosmischen Kräften wie den Gezeiten und der Mondphase einherzugehen schien. Die Menstruation galt daher als magisches Mysterium. Als patriarchale Religionen Einzug hielten, wollte kein Mensch (lies: Mann), dass die Menstruation einen quasi-religiösen Status hat, wodurch sie mit dem Männlich-Göttlichen konkurriert hätte.

Seither gilt die Menstruation als eklig und unrein. Priester sorgten dafür, dass die Menstruation zum Tabuthema wurde. Und der Kapitalismus setzt diese Tradition fort, mit blaublutiger Bindenwerbung oder der Erfindung eines Mini-Tampons, der endlich so klein ist, dass man ihn in die Jeanstasche stecken kann, so heimlich, dass niemand sehen muss, was die menstruierende Person auf die Toilette mitnimmt.

Erste Periode: Ein blutiger Horror?

Ich kann mich nicht mehr an meine erste Periode erinnern. Höchstwahrscheinlich habe ich sie verdrängt. Auch ich fand die Periode hauptsächlich: ekelhaft! Da floss echtes Blut aus mir heraus. Und alles, was mit Körperlichkeit, vor allem meiner eigenen, zu tun hatte, war mir befremdlich. Ich hatte Angst davor, auszulaufen und rote Flecken auf Schulstühlen zu hinterlassen. Über Menstruation wurde nicht gesprochen. Wenn überhaupt, dann nur unter Frauen und ausschließlich zu Hause, hinter verschlossenen Türen.

So habe ich es gelernt, mich durch Abwertung von mir selbst zu entfernen. Am liebsten hätte ich mir durch das Einlegen von weißen, frischeduftenden Binden ein Gefühl von Sicherheit verschafft. So wie die Werbung es propagierte. Frisch und sicher durch die Tage. Doch als Jugendliche hatte ich dermaßen intensive Regelschmerzen, dass ich a.) regelmäßig trotz nächtlichen Klogängen meine Bettwäsche vollblutete und b.) manchmal so starke Unterleibskrämpfe hatte, dass ich in Ohnmacht fiel. Meine Frauenärztin meinte, da müsse frau eben durch und verschrieb mir die Pille.

So kam es, dass ich begann, Hormone zu essen. Die Schmerzen wurden davon kaum gelindert. Also schluckte ich zusätzlich Schmerztabletten. Erst Jahre später, nach meinem eigenen feministischen Erwachen setzte ich die Pille eigenverantwortlich ab. Weiterhin hatte ich unzumutbare Schmerzen, die meinen ganzen Alltag einschränkten. Ich fragte mich: Was machen denn all die anderen Menstruierenden, die starke Schmerzen haben und trotzdem arbeiten müssen? Sich monatlich einen Tag krank zu melden aufgrund von Menstruationsschmerzen habe ich mich nicht getraut.

Es war das Missy Magazine, das mich erstmalig mit diesem Begriff konfrontierte: Endometriose! Das ist die zweithäufigste gynäkologische Erkrankung bei Frauen. Etwa zehn bis 15 Prozent der (cis) Frauen im gebärfähigen Alter sind betroffen. Dabei siedelt sich Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter an. Die so genannten Endometriose-Herde können starke Unterleibsschmerzen auslösen und die Fruchtbarkeit von Frauen mindern. Von wegen „Reiß dich zusammen“ und „Augen zu und durch“. Mönchspfeffer hatte für mich eine deutlich positivere Wirkung zur Schmerzlinderung als die Anti-Baby-Pille.

Aber es gab noch eine weitere krasse Erkenntnis: Seitdem ich auf eine lila Menstruationstasse aus Silikon umgestiegen bin, habe ich deutlich weniger Schmerzen. Erleichternder Nebeneffekt: Ich verzichte damit auf Tampons. Ihr wisst schon, das sind diese Luxusartikel, die in Deutschland auch 2018 noch mit 19 Prozent besteuert sind. Außerdem produziere ich weniger Müll. Menstruationstassen verlangen von mir, mich selbst ohne Applikation oder blaues Rückholbändchen anzufassen. Meinen Körper zu spüren und mir das Blut von den Fingern zu waschen. Diese Tassen sind ökologisch, doch weder lassen sie sich leicht verstecken, noch kann man ihre Reinigung vertuschen. Auf einem Blog mit Reinigungstipps rund um die Menstruationstasse habe ich folgenden Hinweis gefunden: „Wasser im Topf zum Kochen bringen, Tasse rein tun, Deckel drauf und 5-10 Minuten kochen lassen. Es ist nicht nötig sich einen extra Kochtopf nur dafür anzuschaffen. Weder die Tasse noch das Auskochen ist eklig und wird für immer euer Geschirr kontaminieren mit was auch immer ihr euch ausdenkt. Und allein schon, dass ihr die Tasse ja sterilisiert, indem ihr sie auskocht, ist doch Logik genug, dass alles sauber und hygienisch bleibt, auch im Topf.“  Trotzdem trauen sich manche meiner Freundinnen nicht, die Menstruationstasse vor WG-Mitbewohner*innen zu reinigen.

Dann denke ich an tausend weitere, gestern, heute und morgen. Zum Beispiel dieses eine Mal, im Flugzeug von Berlin nach Jerewan. Über dem Meer war ich zum ersten Mal seit meiner Kindheit erneut untenrum frei. Mein Menstruationsblut floss und ich genoss es, mit meinem Blutfleck zwischen den Beinen durch die Reihen zu schreiten, vollkommen versöhnt mit meinen „Weiblichkeiten“. Meine Sitznachbarin bat mir eine Binde an. Ich lehnte dankend ab und sagte Papperlapapp. Denn: Fuck all that safekeeping, let’s try FREE BLEEDING! Es ist herzerwärmend, wenn in meinem Theaterkollektiv Fotos von Adventskränzen herumgehen die mit blutenden Fimo-Vulvas geschmückt sind. In unseren wöchentlichen Befindlichkeitsrunden berichten häufig einzelne Mitglieder von PMS-Melancholie und dürfen dort jedem Gefühl freien Lauf lassen. Manchmal verabreden wir zum gemeinsamen Auskochen unserer Menstrutassen. Dann verraten wir uns beim Rotwein die besten Tipps und Tricks rund ums Einsetzen und Rausnehmen der Tasse.

Aus der Mens wird vielleicht mal ein echter Mensch, der mich dann neugierig fragt, wann es endlich bluten darf, der die Menstruationstasse zum Eierwärmen klaut, den Tampon zum Raumschiff verbaut oder dem Lieblingsonkel eine Slipeinlage in die Boxershorts klebt. Ich weiß, dass es nicht nur diejenigen gibt, die das Patriarchat weiter stützen, weil sie es internalisiert haben, davon profitieren und/oder hungernd nach der Kontrolle des weiblichen Körpers gieren. Auch ich habe im Laufe der Jahre erkannt, dass mein Körper nur mir gehört.

Hier kommt mein Appell: Wir müssen uns alle ändern. Von der Mitte bis zu den Rändern. Lasst uns damit anfangen, am besten genau jetzt!

Ich wünsche uns allen eine splattermäßige Menstruation.

 

 

 

Verweis

Eine Endometriose-Aufklärungsstunde mit Bettina Enzenhofer im Missy Magazine:  https://missy-magazine.de/blog/2017/03/06/das-e-wort/


von Nuri(t)

Nuri[t] ist Wahlberlinerin und bewegt sich oft in autonomen und kollektiv organisierten Räumen. Sie steht regelmäßig hinter dem Tresen einer Neuköllner Kollektivbar. Sie hat Freude am Improvisieren bei den wöchentlichen Proben ihrer FLTI*-Theatergruppe und ist häufig beim Schikkimikki anzutreffen – mit einem feministischen Zine in der Hand.